Kultur

Szenerien, wie aus dem Schattenreich: Eines von Op de Beecks Stillleben von 2010. (Foto: Hans Op de Beecks/VG Bild-Kunst)

10.10.2014

Gemütliches Gruseln

Spiel mit der Illusion: Die Sammlung Goetz in Oberföhring zeigt Installationen, Videos, Skulpturen und Zeichnungen des belgischen Künstlers Hans Op de Beeck

Hochhaus-Modelle aus Zuckerwürfeln werden mit heißem Kaffee übergossen, sodass sie zusammenschmelzen. Karussells mit leeren Pferdchen drehen sich rückwärts. Auf weißen Tischdecken aus Gips liegen grüne Plastiktrauben. Und dann steht man vor einem nächtlich düsteren Hauseingang mit schwarzen Kaugummiautomaten an der Wand und schwarzen Zetteln am buchstäblich Schwarzen Brett, dem gegenüber zwei stilisierte Kinderbespaßungsmaschinchen (Auto und Hubschrauber) unheimlich vor sich hin rappeln.
Ein bisschen fühlt man sich da wie Orpheus bei seinem Kurzbesuch in der Unterwelt. Wobei der Eingang zum Reich der Schatten diesmal in Oberföhring liegt – und dort in der Sammlung Goetz, deren Ausstellungssäle Hans Op de Beeck mit schwarzgrauer Auslegeware und Darkroom-Licht in eine Art Hades verwandelt hat. Dementsprechend geräuschlos und fast selber schon schattenhaft schleichen die Besucher an Videos und Rauminstallationen des belgischen Künstlers (1969 geboren) vorbei. Stille Kulisse und wandernde Komparsen lautet der witzig-poetische Titel dieser Ausstellung, in der man plötzlich auf Stilleben mit Totenschädel, Handys und Pizzakarton trifft – die nicht gemalt sind, sondern ganz handgreiflich aus Gips nachgebildet.
Auch der Beton in vielen Environments ist eine Täuschung: Er besteht aus ilussionistisch bemaltem Holz. So wie im Secret Garden (2003), dem Kernstück der Schau, einem kleinen ummauerten Gärtchen mit imitierter Beton-Bank vor einem eckigen Becken, auf dessen spiegelglatter schwarzer „Wasserfläche“ (einer Glasplatte) Plastikseerosen blühen: Zen- oder Zementgarten? Das ist hier die Frage.

Idyll für Autisten

Wesentlich eindimensionaler als in dieser Präraffaeliten-Parzelle, diesem verstörend heimeligen Idyll für Autisten, geht es in einem anderen Beton-Raum zu: Da sitzt man vor einer Art Bunker-Ruine, an deren Rückwand ein Video die allmähliche Verwandlung blühender Landschaften in ein totes Nachkriegsszenario zeigt.
So wie diese Untergangs-Schnulze bleiben manche von Op de Beecks Arbeiten in vordergründigen, ungebrochenen Botschaften stecken. Aber dass sie damit in den apokalyptischen Kitsch umkippen, ist wohl gewollt. Denn der Künstler inszeniert seine Environments absichtlich so, dass sie sofort als Theaterkulissen erkennbar sind, um die man herumgehen kann, wie um Szenenbilder auf dem Filmset. Die Rückseiten dieser Illusionsräume sind roh gezimmerte Lattengerüste; und überall gehört der Scheinwerfer, der für stimmungsvolle Beleuchtung sorgt, mit zur Installation.
Unter diesen Voraussetzungen sind Melodramatik und Pathos heute wieder zulässig. Als Meta-Sentimentalität quasi, die sich gleich selbst entlarvt: als Zitat, als Hinweis auf den Muster-Fundus, aus dem all die Bilder und Bild-Destillate stammen, die unser Fühlen und Denken lenken – mehr oder minder. Insofern hat der erlesene Schauder, das gemütliche Gruseln, das in der Sammlung Goetz zu erleben ist, zwar nicht äußerlich, aber strukturell doch mehr mit dem kindischen Geisterbahn-Spuk vom Rummelplatz zu tun, als es auf Anhieb scheint.
Wenn man dann wieder draußen ist, aus dem Oberföhringer Hades, beginnt man zu ahnen, warum sich der Sänger Orpheus umgedreht hat, bei seinem Weg aus der Unterwelt: Nicht, weil er wissen wollte, ob ihm die geliebte Eurydike auch wirklich folgt, sondern um sicherzugehen, dass er bei all den schattenhaften Sensationen nicht selbst schon zum wandernden Komparsen zwischen stillen Kulissen geworden sei. (Alexander Altmann)

Bis 15. November. Sammlung Götz, Oberföhringer Straße 103, 81925 München. Do. und Fr. 14 – 18 Uhr, Sa. 11 – 16 Uhr. Telefonische Anmeldung erforderlich: 089/95939690. www.sammlung-goetz.de

Abbildung (Foto: Hans Op de Beeck/Vg-Bild-Kunst)
Stilleben aus Gips und Plastik: Op de Beecks Bachelor Still life (1) von 2006.

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