Kultur

09.07.2010

Gerangel um den rechten Ton

Kent Nagano verlässt die Bayerische Staatsoper

Musikalische Chefpositionen in München – das ist immer ein heißes Thema. Soeben hat Kent Nagano öffentlich erklärt, dass er über 2013 hinaus nicht mehr als GMD der Bayerischen Staatsoper zu Verfügung steht. Für Kenner der Münchner Opernszene ist es ein offenes Geheimnis, dass Stil und Inhalte der Intendanz Bachler von Kunstminister Heubisch geschätzt werden: Innovationsfreude bis hin zur Wirbelei; elegant-wortgewandte Präsentation, die auch Banales glamourös erscheinen lässt; Glanz und Emotion der „großen Oper“ mit Star-Namen.

Dementsprechend soll Bachler seine eigene Vertragsverlängerung über 2013 hinaus zur Unterschrift vorliegen – eine Verlängerung, für die Bachler sich aber einen anderen GMD als den unglamourösen, stets zurückhaltend wirkenden Nagano wünscht.

Der hat zwar Debussysche Feinheit oder luzide Klarheit hören lassen, aber seine Mozart-, Wagner- und sogar Berg-Aufführungen wirkten emotional fahl und flach. Auch etliche Starsänger sind an einer Zusammenarbeit mit Nagano nicht interessiert. Zwar haben in den vergangenen Spielzeiten Dirigenten wie Nicola Luisotti, Bertrand de Billy, Daniele Gatti und soeben Fabio Luisi gleichsam ihre Visitenkarte abgegeben.

Doch alle Auguren sind sich einig: Bachlers Wunschkandidat als Generalmusikdirektor ist der 38-jährige Kirill Petrenko, der sich mit einer beeindruckenden Jenufa in München vorstellte. Ihn würde Bachler im kommenden September gerne als Coup präsentieren.

Petrenko hat sich in den zurückliegenden Stationen seiner Karriere – Volksoper Wien, Theater Meiningen, Komische Oper Berlin – ein breites Repertoire erarbeitet, er hat auch so viel Arbeit in diesen Häusern zu leisten gehabt, dass er krank wurde und sich nach 2007 eine Auszeit verordnete, die er nur durch einzelne Wunsch-Produktionen und Auftritte unterbrach. Aus dem Umfeld der letzten Dirigate hören Fans aber, dass seine Selbstzweifel sich so enorm gesteigert haben, dass er immer wieder von Rückzug und erneuter Vertiefung seiner Kenntnisse spricht.

Nun sind Skrupel bezüglich des eigenen Könnens bei „Pult-Tigern“ ja eher schätzenswert, doch fragen sich ernsthafte Opernfreunde, ob der „General“ eines Opern-Schlachtschiffs von der Größe der Bayerischen Staatsoper nicht auch herzensguter Hausvater für alle menschlichen Probleme und andererseits feurig pulsierendes Herz stets erneuter Kunstanstrengung sein muss.

Doch „Petrenko und München“ wirft auch Probleme mit Bayerns Festival von Weltgeltung, mit Bayreuth auf. 2013, dem Jahr von Wagners 200. Geburtstag, stehen die Festspiele vor der Herausforderung, letztlich die gesamte Opernwelt mitsamt deren Ring-Produktionen künstlerisch zu übertrumpfen. Diesen „Bayreuther Ring 2013“ soll Petrenko dirigieren. Bei seiner ernsthaften Arbeitsweise ist er dadurch ab 2012 und dann für die Ring-Laufzeit von vier bis sechs Jahren allsommerlich an Bayreuth gebunden, fällt also für die Münchner Opernfestspiele aus.

2012 will andererseits München einen neuen Ring präsentieren – also noch in Kent Naganos Amtszeit, dem dieses Chef-Stück eigentlich nicht weggenommen werden kann, obwohl einige Wagner-Sänger nicht mit ihm arbeiten wollen. Wer übernähme ab 2013 eine von Nagano einstudierte Wagner-Tetralogie?
Soll Petrenko gar den Bayreuther Festspielen von der alten Wagner-Rivalin München abgeworben werden? Das würde den Nimbus Bayreuths beschädigen und den ohnehin enorm unter Druck stehenden Wagner-Schwestern Eva und Katharina eine Flut hämischer Kommentare der an Kunst-Skandalen interessierten Edelfedern des Feuilletons einbringen.

All dies köchelt derzeit in der Opern- und Kultur-Szene und in München. Angesichts weiterer Entscheidungen – der Nachfolge von Chris Dercon am Haus der Kunst; eines Konzertsaales im Finanzgarten, der den Verbleib von Mariss Jansons sichert; eines Intendanten am Gärtnerplatz, der wegen Renovierung drei Jahre kein Haus hat – äußert sich Minister Wolfgang Heubisch derzeit nicht öffentlich. Denn bis in den Herbst wird verhandelt und dann sollen Ergebnisse präsentiert werden. In der Münchner Kulturszene brodeln derweil die Spekulationen. (Wolf-Dieter Peter)

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