Kultur

08.02.2013

Gigantomanie

Die SchauBurg erinnert an Herman Sörgel

Es wird Wasser, Sand, Pflanzen auf der Bühne geben, Papier zum Schreiben, etwas zum Vorlesen – und ein bisschen wird man die Bibliothek des Deutschen Museums sehen, weil dieses eine Ausstellung im Foyer der SchauBurg am Münchner Elisabethplatz aufbaut. Das alles klingt eher bescheiden, nicht nach Ausstattungs-Schauspiel, sondern nach Performance – und hat doch ein monströs-gigantisches Thema: Atlantropa. Die Schlagworte dazu heißen: „Mittelmeer-Absenkung! Sahara-Bewässerung! Afrikabegrünung!“
Einen direkten München-Bezug hat dieses dokumentarische, performative, aufregende Stück von Sebastian Linz und seiner Gruppe „ausbau.sechs“ auch. Denn dieser Staudamm zwischen Gibraltar und Nordafrika, die Zweiteilung und Absenkung des Mittelmeers, die Flutung des Kongobeckens mit Überlauf in einen Tschad-See ist das Lebensthema des Münchner Architekten Herman Sörgel (1885 bis 1952) gewesen: Ein „Think Big“-Projekt, das 1928 konkrete Formen annahm, Interesse und Mitarbeit führender deutscher Architekten fand: eine halbe Million Quadratkilometer Neuland rund ums Mittelmeer, zwei Millionen Quadratkilometer fruchtbares Land in der Sahara, zwei Meere in Afrika, im Süden auch noch ein Sambesi-Stausee und acht Kraftwerke mit Elektrizität für den gesamten europäischen Bedarf.

Das war kein Architektentraum nur im stillen Kämmerlein: Sörgel hatte nach der Jahrhundertwende schon ausgedehnte Wasserbauprojekte in Oberbayern durchgeführt, zusammen mit Oscar von Miller die Rolle von Alpenflüssen und -seen zur Energiegewinnung durchdacht und geplant. Aber ein regionales Kraftwerk, das war dem systematischen Denken Sörgels zu wenig. Der soignierte Herr mit Monokel verließ seine Stelle in Bamberg und wurde Architekt, Publizist, Journalist in der Münchner Intellektuellenszene.

Ideologischer Schlingerkurs

Sebastian Linz und „ausbau.sechs“ haben im Sörgel-Archiv des Deutschen Museums (neun Regalmeter) recherchiert – und sie wollen nun, dass der Zuschauer sich über die historischen Dokumente hinaus seine eigene Geschichte zu Sörgel konstruiert. Dazu gibt es in der 100-Minuten-Aufführung Sörgel-Texte, es geht auch über den „ideologischen Schlingerkurs“ (Linz), mit dem der Architekt sein Projekt in Weimarer und Nazi-Zeiten, auch im Nachkriegseuropa anpries. Mit Hilfe von Briefen und Spielszenen wird man sich der Faszination dieser technik- und fortschrittsgläubigen Idee, ihren imperialistischen, rassistischen Schlagseiten, ihren Bezügen zur Energiediskussion von heute nicht entziehen können.
Das kann auch nicht Sebastian Linz, den an dem Thema der Zerfall einer Idee unter den verschiedenen ideologischen Bedingungen und der Zwiespalt zwischen unbändigem Fortschrittsglauben von damals und der resignativen Zukunftssicht der eigenen Generation interessiert. Sörgel, im Bewusstsein seines Scheiterns, verlegte sich nach dem Zweiten Weltkrieg mehr aufs Schöngeistige: „Der ganze Plan ist die Übersprungshandlung eines gescheiterten Künstlers, so wie Hitler“, meint Linz. Und so träumte sich Sörgel auch in ein Gespräch mit Goethe hinein, der ihm zurief: „Du bist mein neuer Faust.“
Daraus hat das Team in anderthalb Jahren Arbeit einen Abend zusammengestellt, „der Lust an diesen Texten wecken soll und für den das Publikum sich geistig strecken muss.“ (Uwe Mitsching)


Aufführungen vom 14. bis 18. Februar, SchauBurg, Franz-Joseph-Straße 47, 80801 München. www.schauburg.net

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