Kultur

Genius mit Herz von Ignaz Günther. (Foto: Thomas Dashuber)

19.12.2014

Glitzernde Hochkaräter

Die Hypo Kunsthalle holt Kunstschätze aus Kirchen und zeigt die betörend sanfte Bizarrerie einer Umbruchszeit

Was für ein herzerwärmender Weihnachtszauber zur kalten Jahreszeit: überall Engerl, Gold, Geglitzer! Nein, die Rede ist nicht von Christkindelmärkten, sondern von der neuen Ausstellung der Münchner Hypo-Kunsthalle. Mit perfektem Timing bietet man dem Publikum zum Jahresausklang eine schöne Bescherung.
Aber dass all die Putten, Monstranzen und Heiligenfiguren im „white cube“ des Museums (der diesmal dezent rosa und grün gestrichen ist) jahreszeitlich bedingt Stille-Nacht-Stimmung verbreiten, sollte Besucher nicht in die Irre führen.

Kleine Sensation

Denn die Exponate sind viel zu hochkarätig, um als bloße Deko fürs Punsch-und-Kripperl-Feeling zu taugen. Und dessen Biedermeier-Innerlichkeit entspricht auch gar nicht dem extrovertiert-theatralen Geist all der Rokoko-Schätze, die unter dem Titel Mit Leib und Seele zu einer umwerfenden Überblicks-Schau versammelt sind.
In Zusammenarbeit mit dem Freisinger Diözesanmuseum präsentiert die Kunsthalle „Münchner Rokoko von Asam bis Günther“ – wobei das Schwergewicht im Bereich Skulptur liegt. Neben den prominenten Münchner Rokoko-Künstlern – den Brüdern Asam, Johann Baptist Straub sowie Ignaz Günther – kann man auch einige von deren nicht so bekannten Schülern entdecken: Christian Jorhan d.Ä., Joseph Götsch und Franz Xaver Schmädl sind mit beachtlichen Meisterwerken vertreten in dieser Schau, die noch aus einem anderen Grund als kleine Sensation gelten darf.
Viele der gezeigten Schätze haben nämlich für die Dauer der Ausstellung ihren angestammten Platz in bayerischen Kirchen erstmals seit 250 Jahren verlassen.
Manche Besucher der Hypo Kunsthalle werden also auf alte Bekannte treffen: Aus dem Marienmünster in Dießen kam Straubs „Gloriaengel“, die Pfarrkirche Rottenbuch schickte Schmädls Putto mit Indianer-Kopfschmuck, indes die Pfarrkirche Eiselfing Ingaz Günthers „Pietà“ auslieh.
Dass man all diesen Werken nun außerhalb des kirchlichen Raumkontextes, für den sie geschaffen wurden, buchstäblich auf Augenhöhe gegenübertritt, ist eine ungewöhnliche Erfahrung. Denn insbesondere die Skulpturen Ignaz Günthers, die einen Höhepunkt der Epoche bilden, können nun einmal rein in Hinblick auf ihre ästhetische und kunsthistorische Dimension betrachtet werden und gewähren so spannende Einsichten.
Während nämlich in der Barockskulptur (man denke an Berninis „Heilige Theresa“) die Darstellung von Emotion dem Ausdruck objektiver Gehalte wie Spiritualität, Eros etc. dient, funktioniert dieser Einklang des Allgemeinen und Individuellen im 18. Jahrhundert nicht mehr. Als Intention oder Muster noch präsent, tritt er in Widerspruch zum mehr und mehr säkularen Menschenbild der Aufklärung. Und eben daraus entsteht jene zarte Dissonanz, jener leicht verschobene Sphärenklang in Ignaz Günthers Werken. Deren manierierte Überlängtheiten, der expressive Zug ihrer anmutigen Verrenkungen bekunden ein Bemühen um gesteigerte Affekte: sie sollen kompensieren, dass die unmittelbare, allgemeinverbindliche Gefühlsdarstellung nicht mehr aufgeht, während gleichzeitig die deutlich andrängende Psychologie des Individuums noch mit dem traditionellen Sujet kollidiert.
Aus diesen fast tragischen Widersprüchen einer Umbruchszeit erwächst eine Form von betörend sanfter Bizarrerie. Was sich in ihr manifestiert, sind die Erdstöße eines Paradigmenwechsels, die Verwerfungen zwischen der Überlieferung religiöser Repräsentation und dem Erwachen bürgerlicher Subjektivität.

Ätherisch lieblich

Aber das macht ja den spezifischen Reiz des Rokoko aus, dass es beides wie selbstverständlich in sich vereint: Engerl-Seligkeit und Exaltation, Bodenständigkeit und Entgrenzung, Sahnetorten-Opulenz und überspannte Eleganz, Fleischlichkeit und Transzendenz. Indem das irritierend amorphe Ornament der Rocaille, von dem der Stil nicht ohne Grund seinen Namen hat, zugleich naturhaft wirkt und als negative Form körperloses Volumen, eine Art ätherische Leiblichkeit zu definieren scheint, stellt es diese Ambivalenz der Stilepoche (etwa 1730 bis 1770/1780) exemplarisch heraus. (Alexander Altmann)

Bis 12. April. Hypo Kunsthalle, Theatinerstraße 8, 80333 München. täglich 10– 20 Uhr. www.hypo-kunsthalle.de

 

 

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