Kultur

Erste Sichtung im Staatsarchiv München: Werner Buhl von den „Autobahnfreunden“ ist begeistert von dem Bildmaterial: Hunderte von Papierabzügen, Glasnegativen und Rollfilmen von der Autobahndirektion Südbayern wird er nun digitalisieren und detailliert beschreiben. (Foto: Dütsch)

19.05.2017

Gründlicher Blick nach Berlin

Werner Buhl von der Arbeitsgemeinschaft Autobahngeschichte erschließt ehrenamtlich wichtige Archivquellen zur Geschichte der Autobahndirektion Südbayern

Unabhängig davon, wie die anstehenden politischen Entscheidungen zur künftigen Organisation der Autobahndirektionen ausgehen: Unterlagen aus ihrer Geschichte werden seit Langem an die Staatsarchive abgegeben. Sie füllen dort viele Regalmeter, oft nur grob verzeichnet. Die Dokumentation vieler bautechnischer Details kann einzeln kaum detailliert erfasst werden – oft bräuchte es dazu Insiderwissen. Und das geht zunehmend verloren.

Nicht untypisch ist, was man auf den Karteikästen und Archivschachteln liest, die Christoph Bachmann, der Leiter des Staatsarchivs München, hervorgeholt hat: „Bilder A8“ steht da, darunter klebt ein Zettel mit dem Vermerk, dass die Archivalien 2006 zugegangen sind und „noch gänzlich unerschlossen“ sind. Mehrere Hundert Glasplattenaufnahmen, unzählige Fotoabzüge, Rollfilme und viel Schriftmaterial sind das in diesem Fall.

Christoph Bachmann zieht einige Stichproben hervor: Bilder von Baustellenfahrzeugen. In einer Kladde voller Schriftstücke liegen zahllose Papierabzüge. „Das ist ja toll! Das muss ein erster Spatenstich sein. Das da könnte die Autobahnmeisterei am Chiemsee sein. Und hier sieht man eine Stützmauer, da sind wir schon tief in den Alpen drin. Hier ist ein Widerlager zu sehen, die anderen Fotos sind lauter Detailaufnahmen von Bauschäden“, begeistert sich Werner Buhl, während er flüchtig die Sammlung sichtet.

Recherche in der Runde

Der ehemalige Brückenbauer ist eigens aus Berlin angereist, samt dreiseitigem Vertrag in der Tasche: Der regelt, dass das Staatsarchiv ihm, respektive der Arbeitsgemeinschaft Autobahngeschichte (AGAB) e.V., diesen noch nicht gehobenen Archivschatz ausleiht.

Werner Buhl kümmert sich um dieses wichtige Erschließungsdesiderat im Staatsarchiv: Er wird das gesamte Bildmaterial digitalisieren und inhaltlich beschreiben – „bei Aufnahmen wie dieser hier“, sagt er und deutet auf eine Fotografie, die ein scheinbar x-beliebiges Autobahnteilstück in kaum charakterisierbarer Landschaft zeigt, „werden andere Vereinsmitglieder einbezogen. Wir sitzen oft zusammen und dann wird lange darüber diskutiert und anderes Quellenmaterial, zum Beispiel Streckenpläne, zu Rate gezogen.“

Nach getaner Erschließungsarbeit wird Werner Buhl die Originalarchivalien zurück nach München bringen – zusammen mit einer CD voller Digitalisate und einer exakt nach Archivvorgaben erstellten Exeltabelle mit den Dateiinformationen. Die Arbeit machen Werner Buhl und die AGAB für das Staatsarchiv (und für andere Institutionen in ganz Deutschland) nicht zum ersten Mal – aber auf jeden Fall unentgeltlich. Das heißt, ihr „Lohn“ besteht darin, dass der Verein die Digitalisate für eigene Forschungszwecke, Publikationen und Vorträge nutzen darf.

„Eine solch fundierte, breite wissenschaftliche Zuordnungsarbeit könnte das Staatsarchiv speziell in diesem Fall gar nicht leisten, wir hätten gar nicht die Ressourcen, die aufwendige Recherche durchzuführen“, sagt Christoph Bachmann, der aufgrund der schon früher optimalen Zusammenarbeit erneut Kontakt zu der AGAB aufgenommen hat. Er bittet Werner Buhl auch um Hilfe bei der „Sammlung Fehr“: 6700 Dias umfasst sie, die das Staatsarchiv von der Autobahndirektion Südbayern bereits digitalisiert übernommen hat. „Das hat damals ein externer Dienstleister gemacht. Leider recht oberflächlich, eben ohne Recherchearbeit.“ Er ruft die zugehörige Exeltabelle auf: Viele Spalten sind leer geblieben, die digitalisierten Fotos sind bislang zusammenhanglos archiviert – arbeiten kann man mit solchen Archivquellen kaum. Werner Buhl wird auch diese Sammlung durcharbeiten und mit seinem umfangreichen Fachwissen auf Vordermann bringen.

Derzeit baut sich die AGAB, die ihren Vereinssitz im unterfränkischen Veitshöchheim hat, in ihrer Außenstelle bei Berlin, der ehemaligen Autobahnmeisterei Erkner, ein eigenes Archiv auf. „Wir haben selbst einen reichen Fundus an Fotomaterial. Seit unser Verein bekannter ist, bekommen wir auch von wildfremden Menschen einschlägige Fotos zugeschickt“, freut sich Werner Buhl.

Nützliche Privatfotos

In Familienalben findet man sie tatsächlich häufig: Fotos von Eltern oder Großeltern mit ihrem ersten eigenen Auto irgendwo an der Autobahn. Ein kurzer Halt – man ist sowieso alleine weit und breit –, schnell ein Foto vom Wagen samt Blick auf die Autobahn, dahinter der Chiemsee oder die Berge. Ein paar Jahre später sehen solche Motive schon anders aus: Nichts geht mehr – kilometerlanger Stau gen Süden, man vertreibt sich die Wartezeit mit Turnübungen zwischen den Autoschlangen und einem Schluck aus der Thermoskanne.

Wenn sich Werner Buhl solche Fotos ansieht, interessieren ihn kaum Kfz-Marken oder was die Fahrzeuginsassen anhaben und machen. Er taxiert vielmehr, was von der Autobahn und der Begleitbebauung zu sehen ist, er sucht nach Hinweisen zur Baugeschichte. Solche Privataufnahmen können der AGAB eine wichtige Recherchehilfe für die Bestimmung manch anderen Archivmaterials sein. „Oft sind die privaten Erinnerungsfotos einzeln und sehr gut beschriftet. Vieles vom baugeschichtlichen technischen Bildmaterial ist dagegen schon damals nur pauschal und summarisch beschriftet worden.“

Verräterische Landschaft

Das Material, das er aus dem Staatsarchiv München mitnehmen wird, ist voll von solchen Beispielen. Er zieht ein Foto hervor. „Blick Richtung Berlin“ ist alles, was man auf der Bildrückseite liest. Werner Buhl scherzt: „Da geht der Blick aber weit! Die A 9 zwischen München und Berlin ist 540 Kilometer lang.“ Auf dem Foto ist nur das „nackte“ Bauwerk zu sehen.

Wäre da doch nur ein Kirchturm im Hintergrund oder ein markanter Berg zu sehen! So etwas könnte die Identifizierung des Streckenabschnitts erleichtern. Aber: Nichts an „verräterischer“ Landschaft! „Das wird ein Fall für unsere Diskussionsrunde werden“, sagt Werner Buhl und nimmt sich eine weitere Aufnahme vor. Diesmal genügt der flüchtige Blick auf die Umgebung: „Das muss kurz vor der Talbrücke Bergen sein“, murmelt er – fast ein wenig wehmütig: „Die gibt es auch nicht mehr, die wurde vor Kurzem durch einen Neubau ersetzt.“

Nicht, dass Werner Buhl sich unbedingt zurückwünschen würde, noch einmal im zuletzt nur noch erlaubten Schneckentempo über die Brücke schleichen zu können oder gar im Stau stecken zu bleiben, den dieses Nadelöhr der Autobahn A 8 bei Siegsdorf fast zwangsläufig und täglich verursachte. Aber es ist das Bedauern über ein verschwundenes Baudenkmal, das den früheren Brückenbauer solche Bilder ansehen lässt.

Die Talbrücke Bergen wurde zwischen 1934 und 1937 errichtet – der Hochzeit des Reichsautobahnbaus. Damals wurden die Autobahnen (den Begriff hat der Bauingenieur Robert Otzen um 1927 eingeführt) noch unter technischen Prämissen gebaut, die längst überholt sind. Nicht nur, was ihre Breite angeht: Die A 8 betrug zwischen Siegsdorf und Landesgrenze nur 17 Meter – nach dem aktuellen Ausbau sind es 36 Meter.

Weit über 80 000 Autos täglich wälzen sich dort in Spitzenzeiten (Ferien, Wochenenden) durch die malerische Landschaft – das war nämlich ein nicht unmaßgebliches Kriterium für die einstigen Trassenplanungen: Die Autofahrer sollten sich schöne Landschaften und Sehenswürdigkeiten erfahren können. „Da ging es nicht so sehr darum, schnell von A nach B zu kommen. Vielmehr sollte man den Blick zum Beispiel auf den Chiemsee genießen, weshalb die Autobahn dort auch direkt am See entlangführt. Eine Steigung von über sechs Prozent über den Irschenberg würde man heute bestimmt auch nicht mehr planen“, überlegt Werner Buhl.

Legendäre Strecke 46

Die schöne Aussicht auf Rhön, Spessart und die Burgruine Homburg wurde auch einkalkuliert bei der Trassierung der legendären Strecke 46 (frühere Bezeichnung für Autobahnabschnitt) zwischen dem hessischen Bad Hersfeld und dem unterfränkischen Würzburg über Fulda, Bad Brückenau, Burgsinn, Gräfendorf und Gemünden. 70 Kilometer lang sollte dieses Teilstück des Vorläufers der A 7 zwischen Füssen und Flensburg sein. 1937 begonnen, wurde die Strecke nie fertiggestellt. Abgesehen von Nachkriegsplünderungen geriet diese Autobahnruine in Vergessenheit – hie und da sanft überwuchert von Grün; an einem unvollendeten Pfeiler üben sich heute Kletterer.

Die Strecke 46 ist das längste derartige historische Bauwerk Deutschlands, an dem sich noch die Entwicklungsstufen des frühen Autobahnbaus an originalen Bauwerken nachvollziehen lassen. Als Technikdenkmal ist die Strecke 46 seit 2003 unter Schutz gestellt – das ist deutschlandweit einmalig. Initiator war damals die AGAB, die heute auch regelmäßig geführte Wanderungen entlang der Strecke anbietet und eine Lehrpfadbeschilderung erarbeitet.

85 Prozent abgerissen

„Etwa 85 Prozent der Bauwerke aus der frühen Zeit des Autobahnbaus sind schon abgerissen“, schätzt Werner Buhl. Freilich wäre es unrealistisch, in umfassenderem Maße Relikte unter Denkmalschutz stellen zu wollen: Das Alte ist dem Neuen im Weg. Schon die Planfeststellungsverfahren zur Gewinnung von Land für Verbreiterungen und für neue Anschlussstellen oder Ortsumfahrungen sind enorm aufwendig und langwierig – da gäbe es wohl kaum Verständnis für eine neue Trassierung, einzig, um einige Kilometer alter Autobahn zu umgehen, die dann ohnehin ihre ursprüngliche Funktion verloren hätte.

Es geht um Wertschätzung

Werner Buhl und der AGAB geht es aber um eine Art „ideellen“ Denkmalschutz, um die gebührende Wertschätzung für den Autobahnbau an sich. In erster Linie leisten rund 100 Vereinsmitglieder enorme und penible Dokumentationsarbeit. Sie geben eigene Schriften heraus, veranstalten Führungen und Vorträge.
Ihnen schwebt vor, mit einer Sammlung voller Exponate noch direkter und anschaulicher für dieses Kapitel Bautechnikgeschichte zu werben. Dafür haben sie sich unter anderem vier Quadratmeter Fahrbahn einer Reichsautobahn aus der Stettiner Gegend gesichert; auch eine Schneefräse aus den Dreißigerjahren, die auf oberbayerischen Autobahnen ihren Dienst tat, wurde nach Berlin gebracht.

„Wir haben viele Ideen für den Aufbau einer interessanten und ansprechenden Sammlung, aber wir brauchen dazu noch finanzielle Mitstreiter“, sagt Werner Buhl. Unterstützung findet der Verein immer wieder bei Baufirmen – vor allem bei jenen, die die Autobahn-Neubauprojekte bewerkstelligen. „Unsere Dokumentation der Vorgängerbauten kann auch als ein Beitrag zur Aufklärungsarbeit und als Werbung um Verständnis der Öffentlichkeit für die aktuellen Bauprojekte dienen.“ (Karin Dütsch)

Information: Arbeitsgemeinschaft Autobahngeschichte e.V., Eichendorffstraße 4, 97209 Veitshöchheim.
www.autobahngeschichte.de

Abbildungen:
Bald werden die Aufkleber mit dem Vermerk "gänzlich unerschlossen" abgenommen werden können. Werner Buhl und seine Mitstreiter von der Arbeitsgemeinschaft Autobahngeschichte e.V erschließen derzeit ehrenamtlich und unentgeltlich das Material. (Foto: Dütsch)

Selten wurde früher jeder einzelne Papierabzug detailliert beschrieben. Werner Buhl holt das nun nach. (Foto: Dütsch)

Sehr ausführlich wurde der Autobahnbau fotografisch dokumentiert. Die Aufnahmen sind auch eine ergiebige Quelle für an Baumaschinen Interessierte. (Foto: Dütsch)

Archivleiter Christoph Bachmann (rechts) führte Werner Buhl von den "Autobahnfreunden" auch ins Magazin des Staatsarchivs München und zeigte ihm weitere Archivschätze zur Autobahngeschichte.    (Foto: Dütsch)

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