Kultur

Unwiderstehlicher Verführer: Jupiter (Ferdinand von Bothmer) hat sich in Semele (Jennifer O’Loughlin) verguckt. Ein verhängnisvolles Techtelmechtel: Semele verglüht, doch aus der Verbindung geht Bacchus hervor. (Foto: Zach)

01.11.2013

Händel auf Ecstasy

Karoline Gruber inszeniert "Semele" mit viel Humor

Karoline Gruber hat etwas an Biss verloren. Wer ihre Inszenierungen kennt, die sie vor rund zehn Jahren realisiert hat, vermisst diesmal eine gewisse Unnachgiebigkeit. Mit der hatte sie 2003 an der Hamburger Staatsoper in Claudio Monteverdis L’Incoronazione di Poppea auch eine degenerierte Gesellschaft entlarvt, die den skrupellosen Machthunger rund um Nero erst ermöglichte. Soweit geht Karoline Grubers Gesellschaftskritik in Georg Friedrich Händels Semele, das das Gärtnerplatz- im Cuvilliéstheater zeigt, nicht – obwohl es reichlich Zündstoff gebe.
Immerhin soll Semele (Jennifer O’Loughlin), Tochter des Königs Cadmus (Holger Ohlmann), mit dem Prinzen Athamas (Franco Fagioli) vermählt werden – was sie nicht will. Tapfer begehrt sie gegen gesellschaftliche Normen auf und verweigert eine arrangierte Ehe, wie sie auch gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Europa üblich war. Darauf spielen die Bühne (Roy Spahn) und Kostüme (Magali Gerberon) an.

Teuflischer Plan

Ihren Humor hat Karoline Gruber aber nicht verloren. Den braucht man, um dieses Mittelding aus Oper und Oratorium zu inszenieren. In Semele hat sich nämlich auch der Göttervater Jupiter (Ferinand von Bothmer) verguckt. Doch da gibt es einen Haken: Seine Gattin Juno (Adrineh Simonian) ist eine eifersüchtige Xanthippe. Ihr teuflischer Plan: Durch sie beeinflusst, möchte Semele das wahre Antlitz Jupiters sehen – was für Menschen tödlich ist. Semele verglüht, doch aus ihrer Verbindung zu Jupiter entspringt Bacchus. Ausgelassenheit und Frohmut sollen fortan herrschen.
Das alles ist ziemlich durchgeknallt – ein Händel auf Ecstasy. Wer diese Handlung allzu ernst nimmt, droht sich zu verzetteln. Deswegen versucht Jupiter in Grubers Inszenierung, Semele mit allerlei Tricks davon zu überzeugen, sein Antlitz nicht sehen zu wollen. Schicke Kleider gleiten vom Theaterhimmel herab, Schuhe und Schmuck. Sicherlich werden damit Klischees bedient – trotzdem ist es amüsant.
Aus dem Wolkenmeer im „siebten Himmel“ ragen wiederum die Türme der Frauenkirche empor. Eine Kuppel wird aufgeklappt – Champagner ist drin. Munter wird geschlürft: willkommen im Kir Royal der Münchner Schickeria!
Und am Ende liebäugelt der von Semele verschmähte Athamas nicht so sehr mit deren Schwester Ino (Ann-Katrin Neidu), sondern mit einem seiner Livreen.
Das passt zu einem Werk, das die Freiheit des Individuums besingt – so hanebüchen die Handlung auch ist. Gruber hat daraus eine sehenswerte Geschichte geschustert.
Hörenswert ist das Spektakel hingegen nur eingeschränkt. Großes leistet Countertenor Franco Fagioli, dessen Timbre wunderbar zwischen den Gemütszuständen und Stimmungen changiert. Die Gestaltungskraft des gebürtigen Argentiniers nimmt unmittelbar gefangen. Wohingegen Adrineh Simonian mit wirkungsvoller dramatischer Darstellung punktet. Treffsicher und brillant meistert zudem Jennifer O’Loughlin die schwindelerregenden Höhen und tückischen Koloraturen. Sonst aber blieben die Solisten eher schwach.
Zwar führte Marco Comin am Pult des Gärtnerplatz-Orchesters sicher durch die Partitur. Doch obwohl er um eine historische Aufführungspraxis bemüht war, hätte der Originalklang Händels noch konziser herausgearbeitet werden können. Dennoch ein kurzweiliger Abend. (Marco Frei)

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