Kultur

Wenn Man(n) nur genügend Muckis hat, dann klappt es auch mit "Kohlhiesels Töchtern": Frederik Leberle in der Rolle des Toni. (Foto: BTT)

14.06.2013

Hausmannskost und Experimente

Die Theatertage 2013 zeigen das künstlerische Gefälle zwischen Stadt und Land

Mit einem Publikumserfolg gingen die Bayerischen Theatertage 2013 in Nürnberg zu Ende. An die 12 000 Besucher strömten zum bayerischen Bühnenfestival, das 1983 in Nürnberg aus der Taufe gehoben worden war und jetzt zur Feier seines 30-jährigen Jubiläums wieder in Nürnberg – zum ersten Mal in einem Staatstheater – über die Bühne ging.
Die Leistungsschau von 31 Theatern gab mit insgesamt 51 Aufführungen den Blick auf die bunte bayerische Theaterlandschaft frei. Die bietet zwischen Allgäu und Fichtelgebirge dem ländlichen Publikum zumeist eher derbe Hausmannskost. In München und Nürnberg werden die Zuschauer mit Theaterexperimenten und neuen Stücken auch mal herausfordert. Was einerseits die umjubelten Gastspiele der Münchner Kammerspiele mit Judas und des Residenztheaters München mit Gogols Revisor bewiesen, was andererseits aber etwa das Theater Hof mit Edmond Rostands Mantel-und-Degen-Tragikomödie Cyrano de Bergerac demonstrierte.
Da wird in einem abenteuerlichen Bühnenambiente gehauen und gestochen, unglücklich geliebt und ehrlich gefühlt, dass sich die Bühnenbalken biegen – oder den Zuschauern die Tränen kommen, wenn der edle, aber mit einer Pinocchio-Nase ausgestattete und darob verspottete Cyrano (Marco Stickel) am Ende sich seiner lebenslang heimlich geliebten Roxane (Antje Hochholdinger) offenbart und in ihren Armen stirbt.
Ein nicht minder gewalttätiges Stück, Friedrich Schillers Die Räuber, funktionierte das Theater Regensburg zum eher eleganten biedermeierlichen Dramolett um, das seine Aktualität angesichts der eskalierenden Jugendarbeitslosigkeit in Europa hervorkehrte: Immer wieder werden die aufbegehrenden, freiheitstrunkenen Räubern mit Zitaten aus dem vor Jahresfrist in Europa kursierenden Pamphlet Empört Euch! von StéphaneHessel zum Widerstand angefeuert. Mit der schmalen Publikation hatte der greise, einst aus Nazi-Deutschland nach Frankreich geflohene und inzwischen 98-jährig Verstorbene die Jugend Europas zur Rebellion angestiftet.
Den Vogel in der Publikumsgunst schoss jedoch das Theater Coburg mit seiner fulminanten Volkstheater-Parodie Kohlhiesels Töchter ab. Mit echter Blasmusik und Gesangsverein war das nördlichste Theater Bayerns „ganz oben“, mixte Schnaderhüpfl, Kerwa-Lieder und deutsches Liedgut mit Gerhard-Polt-Festreden und einem hinreißenden Küchen-Rock, den die Kohlhiesel-Töchter (Philippine Pachl und Sandrina Nitschke) auf Töpfen, Tiegeln und Pfannen intonierten und nicht nur damit Beifall auf offener Szene einheimsten.
Bilanz: Nach 30 Jahren sind die Bayerischen Theatertage zu einer Institution geworden, die das Theater-Gefälle zwischen Provinz und Großstadt selbstbewusst ausstellt und damit auch legitimiert. Nächstes Jahr geht es dann in der Nachbarstadt Erlangen weiter. (Friedrich J. Bröder)

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