Kultur

Blutige Ritter-Klamotte (von links): Shenja Lacher, Thomas Gräßle, Marcus Calvin, Felix Rech und Sunnyi Melles. (Foto: Dashuber)

18.02.2011

Heinrich von Kleist meets Monty Python

Dieter Dorn nimmt mit "Käthchen von Heilbronn" Abschied vom Münchner Residenztheater

Im Vorfeld hatte ja alles so ausgesehen, als würde diese Premiere Dieter Dorns Rache: Fünf Stunden, so hörte man, sollte die Aufführung dauern. Weil der scheidende Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels für seine Abschiedsinszenierung am Münchner Residenztheater Kleists Mittelalter-Märchen Das Käthchen von Heilbronn völlig ungekürzt und mit einem Riesenensemble auf die Bühne bringen wollte. Und fünf Stunden dauert die Inszenierung tatsächlich, aber es kommt alles anders als befürchtet: Statt zähen, werktreuen Philologentheaters erlebt man einen überraschend vergnüglichen, kurzweiligen und saukomischen Abend.
Ob diese Komik wirklich immer gewollt oder teils unfreiwillig ist, spielt dabei gar keine Rolle mehr. Denn zu sehen gab es diesmal eine hinreißend alberne, aber perfekt austarierte Mischung aus Ritterklamotte und Kinder-Zaubertheater. Da treten Heerscharen geharnischter Recken auf, dass die Rüstungen nur so scheppern, die Helden tragen eine schicke Kombination aus Jeans und Brustpanzer, Blitze zucken, Theaterdonner kracht ohrenbetäubend, und Ritter galoppieren auf Pferde-Imitationen über die Bühne, ehe alle mit klirrenden Schwertern aufeinander eindreschen, als wären sie Monty Pythons Ritter der Kokosnuss.
In der Klamotte, in der dieser Theatermacher, der das Münchner Bühnenleben der letzten Jahrzehnte prägte wie kein Zweiter, noch einmal alle typischen Dorn-Register zieht, erwächst aus der Selbstparodie momentweise wieder der alte Zauber: ein fernes Echo seiner legendären Inszenierungen der 1970er und 1980er Jahre. Während man sich nämlich noch wundert, dass der Klassiker-Priester Dorn diesmal Kleist durch den Kakao zieht, funkelt durch den Ulk über die alten Rittersleut’ hervor, um was es in der Geschichte über ein offenbar verrücktes Bürgermädchen eigentlich geht: Um die fast manische Feier der Intuition, die allen scheinbar rationalen Gewissheiten überlegen sein soll.

Wobei es auch an der Hauptdarstellerin liegt, dass der Abend nicht ganz in die Farce abdriftet. Denn Lucy Wirth als Käthchen (die einzig ernste Figur auf der Bühne) ist keine reine Heilige, die mit somnambuler Sicherheit ihren Weg geht, sondern eine Getriebene. Als ein Groupie, die über alle Standesgrenzen hinweg dem Grafen nachläuft, der ihr im Traum als Bräutigam erschienen ist, lässt sie die latent wahnhaften Züge der Figur hervorflackern. Damit schafft sie das wohltuende Gegengewicht zu einem Ritterklamauk voller drollig-magischer Bilder und pyrotechnisch-effektvoll einstürzenden Schlösschen. (Alexander Altmann)

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