Kultur

Das Hollywood der Bibelschinken kehrt zurück. (Foto: Staatstheater)

04.06.2010

Hemmungsloser Kitsch aus der Kintopp-Kulisse

„Nabucco“ an der Staatsoper Nürnberg

Man kann es nur zu gut verstehen, wenn angesichts der priesterlichen Rauschebärte, der Pappkulissen für Alt-Babylon und verzweifelt gereckter Hände des Gefangenenchors ein deutscher Regisseur verzweifelt, wenn er Verdis Nabucco inszenieren soll. Entweder flüchtet man sich in puristische Leere (wie an der Bayerischen Staatsoper) oder setzt noch eins drauf wie jetzt Immo Karaman in einer einhellig bejubelten Neuinszenierung in Nürnberg.
Da sind die Bärte noch länger, wallt verzotteltes Haupthaar, fährt Verzweiflung in fuchtelnde Hände und rollen mesopotamische Säulen reihenweise durch den Schwarz-Weiß-Guckkasten: Das Hollywood der Bibelschinken feiert am Staatstheater Auferstehung. Pfauenfedern und Straußenfächer wedeln über der biestig falschen Abigaille, ihre Schwester Fenena kniet gertenschlank mit treuem Augenaufschlag und in Pailletten-Ballrobe vor Vater Nabucco.
Karaman und seine Ausstatter Okarina Peter und Timo Dentler proklamieren hemmungslosen Kulissenkitsch aus dem Kintopp. Ein Sündenpfuhl ist das alte Babylon, mit halbnackten Liebesdienern im Garten der Semiramis. Die Hebräer scharen sich als schwarzer, verzweifelter Haufen um ihren Tempel in Jerusalem, singen in einem bewegenden Bild ihren Gefangenenchor aus einem vergitterten, rauchenden Glutofen heraus. Als Nabucco sich zu Jehova bekehrt hat, als sie ihre Freiheit wieder haben, dann sind es wieder die Mächtigen, die mit Gesetzestafeln und Lilienbuketts zum Schlusstableau applausbereit parat stehen, während sich das Volk am Proszenium drängeln muss; das auserwählte Volk ist immer der Dumme.
Dieser Gedanke versöhnt am Ende mit manch allzu überdrehter Stummfilmmasche. So schön wie die Gefangenen (Chor: Edgar Hykel) singt in dieser Oper sowieso keiner: fast alles Brüll-Rollen, ob bei den Hebräern (Nicolai Karnolsky), ob in Babylon (Vladislav Solodyagin). Lachnummern sind der tapprige, aber stimmgewaltige Nabucco (Mikolay Zalasinski) und die keifende femme fatale (Gabriella Morigi). Nicht einmal die kleinste Spur von Italianità bringt David Yim als wuseliger Ismaele ins Spiel, an seiner Seite mit Salonallüren Jordanka Milkova.
Sie alle garantieren einen unterhaltsamen Kinoabend mit Verdi, die Nürnberger Philharmoniker mimen unter Philipp Pointners routiniert-fehlerloser Leitung das Stummfilmorchester, und das Publikum reibt sich verwundert die Augen bis zum frenetischen Schlussapplaus. Hoffentlich hat man bei soviel Cecil B. DeMille nicht die ernsten Untertöne überhört und übersehen, mit denen Karaman die intellektuelle Ehre des Stücks rettet.

(Uwe Mitsching)

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