Kultur

Der Festzug zum Oktoberfest anno 1895: Humoristisches Leporello von Henry Albrecht. (Foto: Stadtarchiv München)

26.02.2010

Huldigung an Kaiser Karl und König Fußball

Der Hauptbeitrag im neuen Band des Oberbayerischen Archivs beschäftigt sich mit den Festumzügen in München

Wenn heute die Bundeskanzlerin oder Staatsoberhäupter und Hochwohlgeborene anderer Länder den bayerischen Ministerpräsidenten am Franz-Josef-Strauß Ring besuchen, kriegt man das in München meist nur insofern mit, dass kurzfristig und nur für wenige Minuten einzelne Kreuzungen für den Wagentross freigehalten werden. Fähnlein schwingende Massen an den Straßenrändern wird man nicht sehen, eher grummelnde Autofahrer und Passanten, die sich wegen der „Großkopferten“ einen Augenblick gedulden müssen. Das waren noch Zeiten, als Karl V. auf dem Weg von Italien nach Augsburg mal so eben in der beschaulichen Residenzstadt vorbeikam! Aufgeputzt mit allem Drum und Dran und 650 Pferden ritten allein an die 2000 Mann von der Bürgerwehr dem Reichsoberhaupt entgegen. Und etwa 1500 Männer der Zünfte eilten mit vor die Tore der Stadt, um dem Kaiser ein militärisches Schauspiel zu präsentieren. Das war erst die Vorhut – als sich Karl nämlich endlich der Stadt näherte, kam ihm die lokale und regionale Crème de la Crème entgegen: die Herzöge Wilhelm und Ludwig, obendrein die Pfalzgrafen Friedrich, Ottheinrich und Philipp. Salutschüsse, jede Menge historische Schauspiele in der Stadt: Der Erste im Reich soll großes Wohlgefallen daran gehabt haben. Das Spektakel eines solchen Festzuges kennt München heute nur einmal jährlich – aber das hat mit der Würdigung der Politprominenz nichts zu tun, auch wenn Oberbürgermeister und Ministerpräsident aus einem mitfahrenden Wagen huldvoll winken: Millionenfach wird der Oktoberfestzug verfolgt, via TV ausgestrahlt in alle Kontinente. Heuer wird es bestimmt noch mehr Aufmerksamkeit geben: immerhin steht er im Zeichen „200 Jahre Oktoberfest“. Einen solchen Ausnahmezustand der Feierlaune könnte sich die Stadt nicht öfter leisten: Ist die moderne Mobilität, die komplexe Verkehrslogistik der Großstadt daran schuld, dass die Tradition der Festumzüge, die in München nicht nur alt, sondern auch sehr intensiv gepflegt war, nahezu erloschen ist? Wie und warum man seit dem Mittelalter, vor allem im 19. und noch bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das öffentliche Feiern in den Straßen der Isarmetropole inszenierte, beschreibt Brigitte Huber in einem umfassenden Beitrag, der den 133. Band der Schriftenreihe Oberbayerisches Archiv einleitet und der obendrein als eigene Publikation erschienen ist. Die Beschreibung sämtlicher Umzüge würde Bände füllen – Brigitte Huber skizziert die herausragenden: Da geht es um Huldigungs- und Trachtenzüge, die religiösen Festzüge, allen voran die Fronleichnamsprozession. München war tatsächlich auch einmal bekannt für seine Faschingssumzüge, speziell der Künstlerschaft. Und dann veranstaltete man Festzüge zu bestimmten Ereignissen, wie zur Enthüllung der Bavaria im Jahr 1850 oder zur Eröffnung des Deutschen Museums 1925. Historische Festzüge fanden statt zum 700-jährigen Stadtjubilläum und zu „100 Jahre Oktoberfest“. Dann die Litanei jener Umzüge, die eindeutig politische Anliegen mit auf den Weg bringen sollten: Das geschah bei Schützen- und Turner-Festzügen ebenso wie bei Festzügen im Zeichen des Krieges, und schließlich in der Diktion nationalsozialistischer Ideologie: beispielweise anlässlich der Grundsteinlegung für das „Haus der Deutschen Kunst“ 1933 und zu dessen Eröffnung vier Jahre später mit dem Festzug „Zweitausend Jahre Deutsche Kultur“. Die Abschnitte nach dem Zweiten Weltkrieg sind sehr knapp – da geht der Stoff aus: Lange Zeit haftete dem Medium Umzug ein Hautgôut an, der nichts mehr mit Feierlaune zu tun hatte. Nicht dass München das öffentliche Feiern vergangen wäre: Es schaut heute nur anders aus, kommt in Form von „Event-Häppchen“ daher, wie auch beim 850-jährigen Stadtjubiläum zu sehen war, zu dem es ebenfalls keinen historischen Festzug mehr gab. Wenn man so will, dann hat sich jedoch jenseits des Oktoberfestzuges und der Fronleichnamsprozession vielleicht die moderne Variante des Umzuges etabliert: die Autocorsi auf der Leopoldstraße – im Zeichen von König Fußball.

(Karin Dütsch)

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