Kultur

Skurriles Setting für die „gesündeste aller Welten“, in der gute Schauspieler schlechte mimen und durchgeknallte Seminarweisheiten von sich geben müssen. (Foto: LSD/Lenore Blievernicht)

20.04.2012

In der Geisterbahn des Kapitalismus

René Polleschs "Eure ganz großen Themen sind weg" an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt

Als er vor gut zehn Jahren anfing, nahm René Pollesch mit analytischer Pose das Theater als verstaubte Kunstform auseinander. Inzwischen aber hat sich aus den wie am Fließband produzierten Demontage-Shows des gefeierten Berliner Autor-Regisseurs selbst ein kultiger Theater-Stil kristallisiert. Und allmählich scheint diese Mischung aus soziologischem Frontalunterricht und überdrehter Seifenopern-Parodie in einen gut geölten Manierismus des Anti-Theaters abzuschmieren, der sogar kulinarische Züge aufweist.
Zu erleben war das bei der Uraufführung des jüngsten Pollesch-Projekts an den Münchner Kammerspielen. Eure ganz großen Themen sind weg heißt diese marxistisch imprägnierte Diskurs-Performance, in der wir darüber belehrt werden, dass Liebe, Leben und Tod für die entfremdeten Massen von heute keine großen Themen mehr sind, weil sie „keinen Gebrauchswert“ mehr haben.
Wahrscheinlich wird deshalb ständig von Liebe, Leben und Tod geredet auf der Bühne, in deren Mitte ein begehbarer Totenschädel steht und dem Publikum eine rote Glitzerzunge rausstreckt. Keine Frage, hier sind wir in der Geisterbahn des Kapitalismus gelandet, darum zeigt der Bühnenprospekt auch eine trostlose Großstadtbrache mit Hochhaustürmen nebst Polizeiauto.
Konsensgeschwafel
Aus diesem Setting prasseln in Endlosschleifen theorielastige Sätze auf die Zuschauer herab wie „Der Körper kann sich nicht anhäufen, aber er ist in die Produktion von Mehrwert verstrickt.“ Genau, das musste endlich mal gesagt werden! Natürlich kommt kein Mensch mehr mit bei diesem Stakkato aus teils bedenkenswerten, teils völlig durchgeknallten Seminarweisheiten. Aber das ist auch nicht nötig, denn zum einen mutieren sie, kaum ausgesprochen, selbst sofort zum Konsensgeschwafel, weil es halt kein richtiges Theater im falschen gibt. Zum anderen soll das Sperrfeuer aus Diskurs-Granaten jede Bedeutung ohnehin sabotieren, denn „die Produktion von Sinn verwirft ja andauernd den Gebrauch zum Nutzen des Tauschwertes“. Quod erat demonstrandum.
Mit diesem absurd orgelnden Mehrwert-Oratorium schraubt sich Pollesch diesmal also endgültig in eine Art marxistische Mystik des Paradoxen hinein, in eine krypto-religiöse Gaga-Revue, die das Theater zum Exerzitienhaus umfunktioniert. Und zwar mit kräftiger Unterstützung von Franz Beil, Katja Bürkle, Benny Claessens und Çigdem Teke – teils wirklich guten Schauspielern, die betont schlechte Schauspieler spielen. Wenn sie nicht gerade hyperaktiv Samuraischwerter schwingen oder auf Kissenberge hopsen, rauchen sie eine Zigarette nach der anderen, um gleichzeitig zu verkünden: „außerdem leben wir in der gesündesten aller Welten“. (Alexander Altmann)

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