Kultur

Tomasz Kuk (Calaf), Barbara Dobrzanska (Turandot) und Ensemble. (Foto: Harald Dietz)

26.09.2014

Kapitulation statt Sieg

Saisoneröffnung am Theater Hof mit Puccinis "Turandot"

Mit der Aufforderung „Keiner schlafe!“, die das Programmheft zur Aufführung von Giacomo Puccinis Oper Turandot ziert, wird das Hofer Theaterpublikum auf die neue Spielzeit eingestimmt. Intendant Reinhardt Friese startet mit Puccinis letztem großen Werk, das 1926 zwei Jahre nach dem Tod des Komponisten in Mailand uraufgeführt wurde, in seine dritte Hofer Saison. Hinsichtlich Anspruch – Reaktion auf die Gedenkjahre 1914, 1939 und 1989 – und Stückauswahl scheint diese höchst vielversprechend zu werden.
Denn Friese verstärkt jetzt Tendenzen, die seit seinem Amtsantritt nur latent sichtbar wurden. Der Einsatz junger, unverbrauchter Regisseure, die Zusammenarbeit mit der Bayerischen Theaterakademie August Everding, Uraufführungen (das Musical Der große Houdini), zahlreiche Hofer Erstaufführungen unter anderem von Philip Glass und Botho Strauß und die Hinwendung zur (unrühmlichen) deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts, lassen erwarten, dass das Publikum das oben erwähnte „Nessun dorma!“ die ganze Saison über beherzigt. Darüber hinaus wurde das „Junge Theater Hof“ als eigenständige vierte Sparte erheblich aufgewertet.
Das „morgenländische“ Märchen, das Turandot zu Grunde liegt, spricht junge Zuschauer wohl eher nicht an. Eine chinesische Prinzessin, die ihre Freier köpfen lässt, wenn sie ihre drei Fragen nicht beantworten können; ein tartarischer Prinz auf der Flucht, der sich in Sekundenschnelle in diese „hohe Frau“ verliebt; eine Sklavin, die sich aus Liebe zu dem Prinzen opfert – das ist (nicht nur jungen) Theatergängern schwer zu vermitteln.
Der 29-jährige Regisseur Lothar Krause und Annette Mahlendorf (Bühne und Kostüme) finden jedoch häufig Bilder, die das Abgehobene der Spielhandlung konterkarieren; ein Folklore-China ist in keiner Szene zu erkennen. Im ersten Akt wird eine Rednertribüne erst zum Schafott und dann zur Revuetreppe, von der die eisige Turandot divenhaft zu „ihrem“ Volk und später zu ihrem erotischen Herausforderer Calaf hinabsteigen kann. Die der Commedia dell’Arte geschuldeten Minister Ping, Pang und Pong oszillieren zwischen mafiösen Vollstreckern und kleinbürgerlicher Idylle. Als leicht verführbare Masse schwankt der Chor zwischen Hinrichtungsgeilheit und Mitleid heischender Barmherzigkeit.

Allein auf der Bühne


Den Höhepunkt der Verfremdung setzt der Regisseur an den Schluss. Denn statt einer überschwänglichen Umarmung des Hohen Paars und den „Gloria“-Rufen des Volks steht Turandot allein auf der Bühne, wortwörtlich in die Enge getrieben und mit einer Pistole in der Hand, die sie langsam zu ihrem Kopf führt – kein Zeichen des Siegs über sich selbst, sondern der Kapitulation auf der ganzen Linie.
Im Unterschied zu den drei Ministern und der Sklavin Liù (eindrucksvoll: Inga Lisa Lehr aus dem Hofer Ensemble) gelingt es den Gästen Barbara Dobrzanska und Tomasz Kuk in den Hauptrollen eher stimmlich denn spielerisch zu überzeugen, sodass sie oft wie Fremdkörper auf der Bühne stehen. Gewohnt sicher leitet Arn Goerke die Hofer Symphoniker, die das „Chinesische“ der Partitur eher beiläufig darbieten und ihre überzeugendsten Momente dann haben, wenn der ganze Klangkörper gefordert ist. Zahllose Vorhänge, keiner schlief. (Horst Pöhlmann)

(Tomasz Kuk - Calaf - und Barbara Dobrzanska - Turandot -, Foto: Harald Dietz)

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