Kultur

Arme Disco-Würstchen, die auf cool machen: Hanna Plaß, Florian Innerebner. (Foto: Meiller)

04.02.2011

Karikierter Floskel-Müll

Christiane Pohle inszeniert Rainald Goetz’ „Jeff Koons“ im Münchner Werkraum als rasante Theatersause

Erst mal sieht man einen Monsterluftballon, der sich bedrohlich in Richtung Zuschauer aufbläht. Dann wummern Techno-Beats durch den Werkraum der Kammerspiele. Und passend zur vollen Dröhnung tauchen bald hippe Kids auf, die Sätze sagen wie „er könnte, ich will nicht, ich weiß nicht“. Aber zwischendurch gibt’s dann zur Abwechslung kitschige Schmusemusik oder gleich einen Kirchenchoral à la Christoph Marthaler.
War das jetzt also ein „Rave“? Oder doch eher „Abfall für alle“? Nein, das war Jeff Koons, aber eigentlich ist das egal. Denn bei Rainald Goetz, dem gelernten Arzt und literarischen Mitfühl-Diagnostiker der Popkultur, sind die Werktitel so austauschbar wie Campbell’s Suppendosen. An den Kammerspielen war sich die bekannte Premium-Regisseurin Christiane Pohle jedenfalls nicht zu schade, mit dem dritten Jahrgang der Falckenbergschule diesen Rainald-Goetz-Abend zu inszenieren, an dem es um die stilistische Fremdbestimmung geht, durch die all die Party-People zum Klischee ihrer selbst werden.
Eigentlich sind es klassische Sketche, was die Akteure da im kurzen Flashlight präsentieren, bis sie wieder das Dunkel der wummernden Bässe verschluckt. Wunderbar präzise wird der Floskelmüll karikiert, den Raver, Liebespaare oder schwarz gewandete Vernissagen-Gäste so von sich geben. Aber durch diese Satire auf die Peinlichkeit alltäglicher Posen schimmert gelegentlich herzzerreißende Melancholie. Und stellenweise blitzt sogar so etwas wie eine existentialistische Poesie der Vergeblichkeit durch das linkische Gezappel all dieser armen Disco-Würstchen, die einen auf cool machen.
Jedenfalls ist es „irre“, wie die engagierten Nachwuchsmimen da Loslabern, um es mit Rainald-Goetz-Titeln zu sagen. Und erstaunlich auch, was eine erfahrene Regisseurin aus Schauspielschülern alles an parodistischen Fähigkeiten herauskitzeln kann. Nach einem etwas verkrampften Beginn tauten die zwölf Akteure jedenfalls spürbar auf und stellten mit Lust poppige Klischeebilder auf die Bühne, die an Skulpturen von Jeff Koons erinnern, der ja auch Alltagsschrott wie Luftballons oder Nippesfiguren pathetisch zur Kunst aufbläht. Und selbst wenn der etwas zu prall gefüllte Abend manchmal die feine Balance verliert und zum bloßen Gaudispektakel abdriftet, gilt für diese rasante Theatersause insgesamt doch, was die Raver auf der Bühne einander zurufen: „Mein Gott, ist das geil.“ – Stimmt. <//em><//em>(Alexander Altmann)

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