Kultur

Er wollte nicht immer nur Tiere töten und wechselte den Arbeitgeber. Jetzt enthäutet der Metzger nur noch. (Foto: Kölbl)

05.09.2014

Kleider machen Leute

In Burghausens Haus der Fotografie ist Herlinde Kölbls jüngstes Projekt zu sehen: Menschen in offizieller und privater Kleidung

Wunderbar, wie sie sich übers Treppenhaus hinweg anschauen! Den kessen, herausfordernd-disziplinierenden Blick der Domina scheint Regensburgs ehemaliger Bischof Gerhard Ludwig Müller mit einer Mischung aus sanft-belehrendem und würdevoll-gleichmütigem Gesichtsaudruck zu parieren. Sie in Rot-Schwarz, er in Rot-Weiß – beide tragen ihre Berufsbekleidung.
Sie begegnen sich natürlich nur imaginär – in der Ausstellung Kleider machen Leute in Burghausens Haus der Fotografie. Lebensgroß hängen da ihre Porträts, fotografiert von Herlinde Koelbl. Die hat sich in früheren Projekten bereits mit den Fragen beschäftigt, wie das Amt einen Menschen verändert (Spuren der Macht), wie er sich häuslich einrichtet (Wohnzimmer, Schlafzimmer), welche Bedeutung Haare für das Individuum haben – Schicht um Schicht arbeitet sie sich vor auf der Suche nach dem, was man als „wahres Ich“ des Menschen verstehen mag.
Und in diesem Projekt wird es quasi noch intimer: Sie zieht Menschen aus. Nein, nicht gleich bis zur gänzlichen Blöße, wenn auch ab und zu bis auf die Unterhose. Und doch: Selbst wenn manche der Porträtierten ihre „offizielle“ gegen zivile Kleidung eintauschen, kommen sie einem nackt vor – so, als hätten sie ein anderes Ich abgestreift. Herlinde Koelbl stellt diese beiden Ansichten nebeneinander – zum Teil in Lebensgröße blicken den Besucher die „Verkleidungskünstler“ an.
Die einen wirken entspannt, mehr „wie sie selbst“ – andere verunsichert, fast schamhaft verlegen. Ein Metzger lächelt plötzlich verschmitzt und schaut nicht mehr so tieftraurig drein, wenn er in Karohemd und Jeans und nicht mehr in seiner weißen Berufskleidung samt Werkzeuggürtel posiert – im Begleittext, der mit den persönlichen Äußerungen der Porträtieren fester Bestandteil der Fotoausstellung ist, erfährt man, dass er schon mal den Arbeitgeber wechselte, weil er nicht mehr nur Tiere, „kleine Lämmchen“, töten wollte; jetzt enthäutet er nur noch.
Anders dagegen der Jockey, der unumwunden zugibt, dass er sich in seiner Berufskleidung wie ein Star fühlt – „in meiner normalen Kleidung nimmt mich niemand wahr“. Dass man sie mal nicht als Seelsorgerin in die Pflicht nehmen kann, ist einer Nonne zwar ganz recht, wenn sie im Urlaub „normal“ gekleidet herumläuft. Dennoch scheint ihr privates Gesicht voller Skepsis und sie meint: „In der Tracht fühle ich mich aber viel wohler und auch hübscher.“ Schön findet auch der Bischof den Kragen seines Priestergewands – aber halt auch unbequem. In der Freizeit schlüpft er in Trainingsanzug und Latschen. Auch wenn er sagt, dass er in seinem Priestergewand „bewusst mehr Haltung und einen aufrechten Gang“ habe: In „zivil“ sucht man die Lässigkeit des Couchflätzens vergeblich. Letztlich hat vielleicht doch die Domina Recht, die von sich sagt, prüde zu sein und darauf achtet, privat nie schlampig herumzulaufen: „Wirkliche Dominanz braucht kein spezielles Outfit.“

Nette Korrespondenzen

An über 30 solcher Doppelporträts kann man überprüfen, ob Kleider tatsächlich Leute machen. Für Burghausen wurde die ursprünglich in Dresden gezeigte Ausstellung halbiert: Das ist gut so, denn gerade in den intimeren Räumen auf der Burg ist man mit den Porträtierten sehr intensiv „auf Du und Du“, da verhindert die Reduzierung eine allzugroße Aufdringlichkeit. Beim Arrangement ergeben sich manch nette Korrespondenzen, die Leiterin des Hauses, Ines Auerbach, musste sich bei der Hängung aber in erster Linie von ästhetischen Kriterien leiten lassen: Dreiviertel-Sitzporträts würden neben lebensgroßen Ganzkörperporträts in den Schatten gestellt werden, unterschiedlich gewichtend könnten auch Bilder mit hellem neben jenen mit dunklem Hintergrund wirken. (Karin Dütsch)

Bis 26. Oktober. Haus der Fotografie, Burg 1, 84489 Burghausen. Geöffnet bis 3. November Mi. bis So. 10 – 18 Uhr. www.burghausen.de

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