Kultur

Abigail und ihre Freundinnen werden schnell der Hexerei beschuldigt (Janina Zschernig mit Chor). (Foto. Quast)

19.06.2015

Klerikaler Fanatismus

Das Theater Erlangen bringt Arthur Millers "Hexenjagd" in der Hugenottenkirche auf die Bühne

Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“, nannte Christoph Schlingensief sein Fluxus-Oratorium (2008) über das eigene Sterben – und beschwor in der nachgebauten Kirche seiner Kindheit die Macht der Religion über das eigene Ich. Das Theater Erlangen ging gleich in eine Kirche, als es jetzt ein ähnlich gelagertes Stück, Arthur Millers Hexenjagd, in der Hugenottenkirche aufführte. Diese Kirche hatten sich Ende des 17. Jahrhunderts die französischen Glaubensflüchtlinge gebaut, als sie in der Markgrafenstadt Zuflucht fanden.
Auf ein Ereignis der selben Zeit greift auch Millers Hexenjagd zurück, als nämlich in Salem, einer puritanischen-fundamentalistischen Stadt in Massachusetts, ein Hexenwahn ausbricht: Frauen und Männer werden des Pakts mit dem Teufel bezichtigt, gefoltert und nach erzwungenem Geständnis gehängt. Die Angst geht um, vor einer Kirche, die in ihrer frömmelnden Bigotterie die geschürte Hysterie für ihre Zwecke instrumentalisiert – eine „Kirche der Angst vor dem Fremden“.
Die beeindruckende, bilderstarke Erlanger Inszenierung Dominik von Guntens nutzt das ungewöhnliche Ambiente des hellen, bilderlosen Kirchenraums für ein düsteres, Aberglauben und Obsessionen beschwörendes Oratorium in der Rotunde der reformierten Kirche. Ein Chor junger Mädchen bricht immer wieder in das schrille, gellende Schreien der verhexten, von Satan besessenen Kinder aus; ein riesengroßes Kreuz schwebt wie ein Damokles-Schwert über der Kanzel (Bühnenbild Carolin Mdttler), von der herab Reverend Parris seine Gemeinde wie ein Hass-Prediger auf die Verfolgung der meist aus vordergründigen Motiven denunzierten Bürger einschwört.

Vernunft hat keine Chance

Die bigotte Gemeinde: Das sind die im Kirchenrund sitzenden Zuschauer, die eigens dafür zu Beginn mit schwarzen, kuttenartigen Umhängen ausgestattet werden, um zur Orgelmusik lautstark Choräle anzustimmen. Die Kirche mit dem Altar und der das Wort in den Mittelpunkt stellenden Kanzel, mit ihren zwei Emporen, Nischen und Arkaden bietet den Simultanspielort für ein von allen Seiten auf das Publikum einprasselndes Totaltheater. Es wird ein klerikal fanatisierter Schauprozess vorführt: In ihm haben Vernunft, Aufklärung und ein reformatorisch geläuterter Glaube keine Chance.
Den wahren, gleichsam säkularisierten Glauben verkörpert eindrucksvoll Martin Maecker als der einfache Bauer John Proctor. Er widersteht dem religiösen Irrsinn und wird zum Schluss von den Kapuzenmännern des Ku-Klux-Klan gehängt. Janina Zschernig als Abigail und Violetta Zupancic als Mary, die eigentlich mit ihren Freundinnen im Wald nur tanzen wollten, aber vom sexbesessenen Reverenden Parris (Hermann Große-Berg) beobachtet und der Hexerei bezichtigt werden, spielen pubertierende Mädchen, mit denen ihre obsessiven Phantasien durchgehen. In der Nebenrolle des eilfertigen Gerichtsdieners Cheevers liefert Stephan Weber eine in Mimik und Gestik herausragend verfremdete Studie, während Anika Herbst als Proctors Ehefrau Elizabeth die verhärmte, dem Massenwahn standhaltende aufrechte Christin verkörpert.
Arthur Miller schrieb seine (1953 uraufgeführte) Hexenjagd, um die damals von Senator McCarthy ausgelöste hysterische Kommunistenjagd in den USA anzuprangern. Die Erlanger Inszenierung ruft nicht nur diese, bis heute als amerikanisches Trauma erinnerte McCarthy-Ära ins Gedächtnis zurück.
Sie erinnert auch daran, dass es hierzulande ebenfalls mit religiösem Eiferertum noch gar nicht so lange her ist: 1949 erschien im fränkischen Heroldsbach bei Erlangen vier Mädchen die wundertätige Mutter Maria, was damals zu einem jahrelang anhaltenden Prozessionstourismus aus aller Welt an den Ort der Marien-Erscheinung führte. Vielleicht fiel auch in Erinnerung an dieses seinerzeit Aufsehen erregende und heftig umstrittene Ereignis, der Beifall für Arthur Millers Aufklärungsdrama in der Kirche der Hugenotten so begeistert aus. (Fridrich J. Bröder)

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