Kultur

Kranke Kindergehirne spielen Krieg – und ist trotz des Victory-Zeichens eine Niederlage. (Foto: DPA)

14.10.2015

Kriege, Krisen, Katastrophen

Der größte Hirnforscherkongress im deutschsprachigen Raum stand unter dem Motto „Gehirne zwischen Liebe und Krieg – Menschlichkeit im Zeitalter der Neurowissenschaften“

Warum können die Menschen aller Kulturen und Reli- gionen zwischen Gut und Böse sehr wohl unterscheiden, dann aber doch Kriege führen und sich Gewalt antun? Da- rauf suchte der größte Hirnforscher-Kongress im deutsch- sprachigen Raum, der alljährlich von der Humanistischen Gesellschaft „Turm der Sinne“ veranstaltet wird, jetzt in der Stadthalle Fürth Antworten, die zwölf renommierte Neurologen und Neurobiologen zu geben versuchten.
Es war kein Zufall, dass das schon im Vorjahr angekündigte Thema „Gehirne zwischen Liebe und Krieg –  Menschlichkeit im Zeitalter der Neurowissenschaften“ lautete. Aber dass es eine solche Brisanz und Aktualität bekommen würde, war nicht vorherzusehen. Man konnte die Betroffenheit der Besucher angesichts der Aktualität des Themas mit Händen greifen. Und man spürte, dass sie auf Sinn-Suche und sich bewusst sind, dass wir in einer Zeitenwende leben, nach der nichts mehr so sein wird, wie es war.
Die Antworten der Neurowissenschaflter aller Disziplinen – Neuromediziner wie Neurobiologen, Neurophysiologen wie Neuropsychiater, Neuropsychologen und Neurophilosophen, Verhaltensforscher und Anthropologen – fielen freilich eher ernüchternd aus. Im Gehirn des Menschen lassen sich zwar mittlerweile bestimmte Gefühle wie Liebe und Hass, Aggression und Gewalt dingfest machen und mithilfe bildgebender Verfahren, vor allem der Computer-Tomographie beziehungsweise Magnetresonanztomographie (MRT), visualisieren und im Gehirn orten; aber wie sich solche Prozesse therapeutisch beeinflussen, verbessern und vielleicht sogar zum Guten wenden lassen, ist weitgehend immer noch ein Rätsel.
Die Selbstheilungskräfte des Gehirns allerdings – das stellt sich immer mehr heraus – sind viel stärker als bisher angenommen, vorausgesetzt, die gesellschaftlichen Verhältnisse, das soziale Milieu, die Umwelt und die äußeren Umstände stimmen. Das Gehirn des Menschen kann sich gleichsam selbst reparieren und „updaten“, was freilich nur bis zu einem bestimmten Alter, bis zur Adoleszent, möglich ist. Dann verfestigen sich die neuronalen Strukturen und sind nur noch sehr schwer aufzubrechen und dauerhaft zu verändern. Was das für Kinder und Jugendliche heißt, die –  wie in den Krisengebieten des Nahen Ostens beispielswiese oder in afrikanischen Ländern – in einem Klima der Gewalt, der Zerstörung, des Hasses aufwachsen, kann man sich vorstellen: tiefgreifende Traumata sind die oft irreversiblen Folgen. Gewalt gebiert Gewalt.

„Durchs Leben schlagen“


Kriege, Krisen und Katastrophen sind also Gift für das Zusammenleben der Menschen, weil sie im individuell-familiären Bereich wie im sozialen Verband, in der Gesellschaft, das höchste (und überlebenswichtige) Gut, mit dem das menschliche Gehirn ausgestattet ist, außer Kraft setzen: nämlich mitzufühlen, Empathie zu empfinden. Ab dem zweiten Lebensjahr lernt ein Kind, sich in eine andere Person – die Mutter, den Spielkameraden – hineinzuversetzen, lernt, mit seinen Gegenüber zu leiden, sich mit ihm zu freuen, zu helfen; lernt also, sich mitmenschlich, sich sozial zu verhalten. Die Gehirnforscher nennen diese Fähigkeit Mentalisieren, sich also vorzustellen, was im anderen vorgeht, und lernt, darauf positiv (freilich auch negativ) zu reagieren: „Wer lernt zu helfen, hilft sich selbst!“ Der als Atheist apostrophierte Philosoph Ludwig Feuerbach hat das auf den Punkt gebracht: „Tue das Gute um des Menschen Willen!“
Ist Moral also eine anthropologische Konstante, die im Verlauf der Evolution neuronal manifest geworden, also im Gehirn beziehungsweise in den menschlichen Genen fest verankert ist? Warum lässt das Gehirn dann aber Gewalt zu? War die Aggression vielleicht in den Ursprüngen des Menschen zum Überleben notwendig? Die Verhaltensforschung gibt darauf die bedenkenswerte Antwort, dass der Mensch Gewalt nicht lernt, vielmehr verlernen muss.
Wer dazu in seinen jungen, das Gehirn prägenden Jahren nicht die Chance bekommt, muss sich buchstäblich „durchs Leben schlagen“; eine Redensart, die freilich viel über die neuronale Entwicklung und Befindlichkeit gewaltbereiter Jugendlicher aussagt, die – so betrachtet – eigentlich gar nichts dafür können, dass sie in ihrer Kindheit nie Empathie, also Liebe und Zuneigung, erfuhren. Weswegen aus der Sicht der Neuropsychiatrie „bestrafen und wegsperren“ so ziemlich das schlechteste ist, weil nur eine ganz individuelle Therapie ihr „Gehirn umkrempeln“ und sie zu einem „empathischen Sozialverhalten“ bringen könnte.
Das Gefängnis dagegen richtet im Gehirn Jugendlicher Verheerungen an, die sich dem noch nicht „ausgereiften“ Gehirn so massiv einprägen, dass die Zukunft traumatisch gleichsam vorprogrammiert ist.
Anders als die offenbar evolutionär und neuronal in die Wiege gelegte Gewalt, die man nicht lernt, sondern verlernen sollte, muss das Kind Liebe und Zuneigung lernen, also erfahren. Störungen dieses Lern-Prozesses können zu einem soziopathischen Verhalten führen, was nur unterstreicht, wie wichtig eine „glückliche Kindheit“ ist, von der Millionen von Kindern auf der Welt nicht einmal träumen können; Kinder wie die, die tagtäglich mit ihren flüchtenden Eltern zu uns kommen, weil diese ihnen genau dieses „Glück der Kindheit“ geben wollen, das so entscheidend für ihre Zukunft ist.
Gleichwohl ist der Mensch, neuronal betrachtet, ein Überlebenskünstler, dessen Gehirn sich im Laufe der Evolution immer wieder an veränderte Umstände angepasst hat. Ob es sich so entwickelt, dass der Mensch Kriege, Krisen und Katastrophen erst gar nicht mehr auslöst, ist somit nur eine Frage der Zeit. Was – wie die Evolution zeigte – Jahrtausende dauern kann, weil das menschliche Gehirn zwar lernfähig, der Mensch aber unbelehrbar ist. Ob die Menschheit diese Zeit noch hat, steht dahin, weil sich bis dahin womöglich der Mensch selbst abgeschafft beziehungsweise sein Überleben auf dem Planeten unmöglich gemacht hat. Dem entsprechend fiel die Bilanz des Symposiums eher ironisch-dialektisch aus: Die Zukunft des Menschen liegt in der Menschlichkeit der Zukunft! Für Optimisten vielleicht eine tröstliche, für Pessimisten aber eine niederschmetternde Perspektive. (Fridrich J. Bröder)

(Für Forscher stellt sich die Frage, warum das Hirn überhaupt Gewalt zulässt - Foto: DPA)

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