Kultur

Edle Glasstücke von Aloys F. Gangkofner (1920 bis 2003). (Foto: Sven Bauer/Glasmuseum)

12.01.2018

Kunst und Kitsch für den Nierentisch

Das Glasmuseum Frauenau zeigt Glas der 1950er-Jahre

Bunte Likörgläschen in Metallgestellen und eingedellte Aschenbecher mit Lufteinschlüssen aus der Hütte Valentin Eisch, Bowlenservices mit konischen Gläsern aus Zwiesel, gravierte Römer mit Überfangglasur von Nachtmann aus Riedlhütte, aber auch elegante Schwarzlotmalerei auf zeitlosen, schlanken Vasen aus der Glasfachschule Zwiesel, freihandgefertigtes Glas von Aloys Gangkofner und spektakuläre Überfanggläser mit Zwieseler Wellenschliff von Erich Bulin: Das Glasmuseum in Frauenau hat Glas der 1950er-Jahre zusammengetragen und zu einer Ausstellung zusammengestellt, die nostalgische Gefühle für die Nierentischzeit aufleben lässt. Im Eingangsbereich des Museums wurde ein Wohnraum der 1950er-Jahre nachgestellt, der außer Salzletten nichts vermissen lässt.

Die Wirtschaftswunderjahre hatten Wohlstand gebracht, die junge Bundesrepublik kam zu neuem Selbstbewusstsein. Die Kaufkraft stieg und erlaubte bescheidenen Luxus, das gab auch der Glasindustrie neuen Schwung. Poschinger, Gistl, Eisch und Theresienthal, Schott und die Glasfabriken in Spiegelau und Riedlhütte produzierten Glas für Länder in der ganzen Welt.

Die Werbung führte vor, wie das neue schöne Wohnen auszusehen habe. Einfach und funktional sollte das Design aussehen – was nicht immer gleichzusetzen war mit Schönheit.

Heimatvertriebene Glasveredler wie Erich Bulin brachten neue Ideen, die Glasfachschule Zwiesel konnte mit ihrer Versuchsglashütte experimentieren. Zwischen dem traditionellen Publikumsgeschmack und den Vorgaben der Designer aber lagen Welten, wie der Bauhaus-Schüler und Industriedesigner Wilhelm Wagenfeld feststellte: „… der vorgestellte Prunk aus Königshäusern, den unsere Fabriken als billigen Abklatsch produzieren, beschwingt die Fantasie der Spießer so gut wie der Massenkitsch aus den Filmfabriken.“ Die Ausstellung führt vor Augen, wie man in gestalterischem Spagat versuchte, gutes Design für ein breites Publikum zu entwerfen.
Das konnte nicht immer gutgehen. Während die maschinelle Produktion vorangetrieben wurde, setzten der junge Erwin Eisch und seine Frau Gretel Stadler mit freier künstlerischer Arbeit eine gegenläufige Entwicklung und damit den Beginn der Studioglasbewegung in Deutschland in Gang. In der Ausstellung Schöner Wohnen in München 1961 konterkarierten sie Massenkitsch und Spießergeschmack. Einige wenige, frei geformte Stücke von Erwin Eisch spiegeln diese Zeit.

Späte Wertschätzung

Ein hochinteressantes Kapitel der Glasgeschichte stellt das Kunstglas der 1950er-Jahre aus dem Thüringer Wald dar, dem eine gesonderte Ausstellung im Kabinett gewidmet ist. Es wurde ab Anfang des 19. Jahrhunderts in Südböhmen produziert. Obwohl das Material nicht leicht zu handhaben ist, wurde es gering geschätzt, zum einen, weil es aus Restglas hergestellt wurde, zum anderen, weil ihm genau das fehlte, was man von Glas gewohnt ist, die Transparenz. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlagerte sich durch die Vertreibung der deutschstämmigen Glasmacher und Glasveredler aus Tschechien die Produktion von Schwarzglas nach Thüringen, ins Erzgebirge und den Harz bis in den Schwarzwald und den Bayerischen Wald. Unter schwierigen Bedingungen, vor allem in der DDR-Zeit, wurde das elegante Schwarzglas bis Mitte der 1980er-Jahre hergestellt. Heute sind die faszinierenden, spiegelnd schwarzen Schönheiten gesuchte Stücke. (Ines Kohl)

Information: Bis 8. April. Glasmuseum, Am Museumspark 1, 94258 Frauenau. Di. bis So. 9-17 Uhr.
www.glasmuseum-frauenau.de

Abbildung:
Eine der typischen Schwarzglasvasen.    (Foto: Sven Bauer/Glasmuseum)

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