Kultur

Alle sind Verbrecher – selbst ein Mädchen aus dem Volk macht sich schuldig: Es erschießt den Gottesnarren (Kevin Conners). (Foto: Hösl)

15.02.2013

Macht und Verrohung

Calixto Bieito inszeniert Mussorgskys "Boris Godunow" an der Bayerischen Staatsoper

Calixto Bieito wirkte etwas verdattert, als er den Schlussapplaus entgegennahm. Denn eigentlich ist der Skandalregisseur aus Spanien daran gewöhnt, dass sich in den Beifall kräftige Buhrufe mischen. Bei seinem Boris Godunow von Modest Mussorgsky, der nun an der Bayerischen Staatsoper in München Premiere hatte (unter der Leitung von Kent Nagano und in der Fassung von 1868/69), kam es jedoch ganz anders: Kein einziges Buh war zu hören. Das glich einer kleinen Sensation – zumal am Nationaltheater fast jede Inszenierung Buhs erntet. Dieser einhellige Zuspruch war berechtigt, trotz aller Schwächen.
Ja, größtenteils wird an der Rampe gesungen und gespielt. Und: Ja, nach der Krönung von Boris zum Zaren klaffen mitunter sträfliche Lücken in der Szene. Auch wirkt einmal mehr dieser Münchner Bieito handzahmer als Produktionen, die er an anderen Häusern stemmt. Im Vergleich aber zu seinem einfallslosen, langweiligen Fidelio von Beethoven, mit dem Bieito 2010 an der Staatsoper debütiert hatte, kann dieser Boris Godunow insgesamt überzeugen.
Teilweise fesselt er sogar, was nicht zuletzt für Bieitos Interpretation des Volkes (Chöre) gilt. Keineswegs kommt die Masse positiv weg, wie es Mussorgskys Partitur und die Vorlage von Alexander Puschkin durchaus suggerieren. Getrieben vom Hunger und niedergeknüppelt von roher Staatsgewalt, verroht in Bieitos Regie das Volk selber. Es verkümmert zusehends zu einer degenerierten Menge, die sich höchst widersprüchlich präsentiert. Einerseits gehen die Menschen auf die Straße und werfen Molotowcocktails auf den Zarenpalast. Andererseits wird der Rebell Mitjucha (Tareq Nazmi) als Punker mit Krücken gezeichnet, der sich freut, wenn andere Demonstranten und er selbst misshandelt werden – breit grinsend, selber nur Gewalt gewohnt.
Alle machen sich schuldig
Auch dem Gottesnarren (einnehmend: Kevin Conners) geht es an den Kragen: Obwohl er das hungernde Volk beweint und den Zaren Boris (fesselnd: Alexander Tsymbalyuk) attackiert, weil dieser das Kind des Vorgängers umgebracht haben soll, um den Zarenthron besteigen zu können, wird er erschossen – und zwar nicht vom Gefolge des Zaren, sondern von einem Mädchen aus der Menge. Denn bei Bieito gibt es kein Gut und Böse hier sind alle Verbrecher und machen sich schuldig.
Es ist eine abgründige sozialpsychologische Studie, die Bieito entwirft – schonungslos und packend, mit kammertheatralischer Intensität. Dabei profitiert er auch von den luzid, klar und nuancenreich gezeichneten Farben, die Nagano dem Orchester entlockt. Zudem ist diese Produktion rundum glücklich besetzt, wobei Conners und Tsymbalyuk herausstechen.
Wie Tsymbalyuk den Wahnsinn und mentalen Verfall von Boris gestaltet, ist große Kunst. Angestachelt von dem Chronikschreiber Pimen (Anatoli Kotscherga) schlachtet dessen Schüler Grigori (Sergey Skorokhodov) am Ende den Zarenhof ab, auch Boris’ Kinder Xenia (Eri Nakamura) und Fjodor (Yulia Sokolik).
Das alles bleibt jedoch kein Abbild des historischen Russlands, sondern legt den Finger tief in die Wunde des Heute. Deswegen ist die Staatsgewalt in modernen Polizeiuniformen gekleidet (Kostüme: Ingo Krügler, Bühne: Rebecca Ringst). Man kennt sie von den aktuellen Straßenschlachten in Zeiten der Eurokrise aus Griechenland, Spanien, Portugal oder Italien. Zudem lässt Bieito das Volk Schilder hochhalten, die Gesichter von Politikern unserer Zeit zeigen: Silvio Berlusconi, Tony Blair, Nicolas Sarkozy, François Hollande ... Ein deutsches Gesicht sieht man leider nicht. (Marco Frei)

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