Kultur

Pina Kühr (im Vordergrund), Katharina Rehn, Bertram Maxim Gärtner, Volker Ringe, Alexander Tröger und Benedikt Flörsch. (Foto: ETA-Hoffmann-Theater Bamberg)

22.10.2015

Möchtegernhelden im Marmor-Mausoleum

Friedrich Hebbels „Nibelungen“ am Bamberger ETA-Hoffmann-Theater

In Franken herrschen gerade zwei Theaterköniginnen. Ansbachs neue Intendantin Susanne Schulz brachte Anfang Oktober Ferdinand Bruckners fast vergessene Elisabeth von England auf die Bühne. Zwei Wochen später stemmte ihre Kollegin Sibylle Broll-Pape als Antrittsinszenierung nichts weniger als Friedrich Hebbels Nibelungen ins Bamberger E.T.A-Hoffmann-Theater. Aus den Textmassen des „deutschen Trauerspiels“ präpariert sie das Königinnendrama heraus. „Kriemhild von Burgund“ könnte es heißen.
Ein Intendantenwechsel wirbelt Bühnenstaub auf, zumal an einem Theater, das ein Vierteljahrhundert vom selben Chef geleitet worden ist. In Bamberg war das so. Die erste Frau an dieser Stelle bringt neue Ideen und ein weitgehend neues Ensemble mit. Das Abonnentengrummeln deswegen ist noch bei der Premiere zu hören. Gut viereinhalb Stunden dauert sie, weil beide Nibelungenteile sinnvoller Weise zu einem Abend zusammengespannt sind. Lang werden sie einem nicht, denn Sibylle Broll-Papes Inszenierung ist ein vertrauensbildender Einstand: handwerklich präzises Sprechtheater, das große Themen und noch größere Emotionen zur Begutachtung ausstellt.
Rainer Sinell, der Ausstatter, hat dafür einen fast leeren, kalten Prunksaal bauen lassen, halb neureiches Renommierfoyer, halb Marmor-Mausoleum. Geteilt wird sein Textgehäuse, das sich wie das Drama nach hinten gefährlich verengt, von einer langen Rampe; erst ist sie rot, nach Siegfrieds Tod schwarz.

Bauteile einer Daily Soap

Dorthin stellt Broll-Pape eine Familiensaga, deren Basiselemente als Bauteile einer Daily Soap taugen würden. Dass es mehr ist, liegt an Hebbels wortmächtiger Textpartitur, die zwischen psychologischem Realismus und mythischer Überhöhung oszilliert. Bevor es gar zu heroisch dampft, kühlt die Intendantin Hebbels Pathos mit Ironie und statuarischen Personenarrangements. Noch am Ende, beim Gemetzel an Etzels Hof, als im Feuerschein zähes Blut die Rampe herunterrinnt, findet sie streng stilisierte Bilder für das Grauen.
Mystisch-schöne Meditationszonen schaffen die Videosequenzen von Peer Engelbracht und Stephan Komitsch. Ein Falke und ein Adler fliegen, Polarlicht leuchtet, ein winziges, sanft flimmerndes Lichtkreuz wächst auf Bühnengröße, als Siegfried staatstragend zu Pergolesis „Stabat mater“ betrauert wird. Die Pointe: In der Mitte des Kreuzes ist eine vieldeutige Rune eingekratzt. Da tun sich Assoziationsabgründe auf.
Unter dem festgefügten Spannungsbogen dieses Trauerspiels stehen in Bamberg keine urzeitlichen Recken, sondern Männer in feinem Managerzwirn, die eingesargt in ihren Konventionen nur zu gern Helden wären. Viel halten sie auf Ehre und Treue und schrecken doch vor List und Tücke nicht zurück, vor allem, wenn es um Frauen geht. Die gelten nur so viel wie Handelsware – aber Brunhild und Kriemhild fügen sich nicht. Sie sprengen das System blindwütig. Mit sich im Reinen scheint das dritte Geschlecht auf der Bühne zu sein: Volker (Katharina Rehn), Etzel (Katharina Brenner) und Dietrich (Iris Hochberger) – die Männer, die hier von Frauen gespielt werden.

Fast ein Narr nach Shakespeares Maß


Das Ensemble schultert Hebbels Blankverse souverän. Ein paar Beispiele: Katharina Rehn ist als Volker anfangs der Spielmacher, fast ein Narr nach Shakespeares Maß. Pascal Riedel flegelt den Siegfried mit unverschämtem Wuschelkopfcharme in die steife Burgunden-Gesellschaft hinein. Bertram Maxim Gärtner zeigt einen grämlich grau geduckten Gunther. Volker Ringe ist ein bäurisch-rauer Hagen. Ronja Loserts Brunhild verstrahlt spillrig-silbrige Dämonie.
Sehr differenziert schließlich legt Pina Kühr ihre Kriemhild an und durchmisst die Entwicklung von der jungen Frau zur rachebrütenden Witwe. Man sieht, wie Leidenschaften und Schuldgefühle in ihr arbeiten, sehr eindrucksvoll.
Die Motto-Frage der Spielzeit, was denn deutsch sei, bleibt am Ende der Nibelungen unbeantwortet. Man erkennt allenfalls, was einst, treu bis in den Untergang, als deutsch galt – und tippt auf ein epochales Missverständnis, weiß aber, dass es keines war. (Thomas Wirth)

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