Kultur

Das gewaltige Dach der Münchner Frauenkirche. (Foto: Tourismusverband Oberbayern)

18.06.2010

München aufs Dach steigen

Ein Forschungsprojekt widmet sich einem bisher wenig beachteten Aspekt der Zimmermannskunst

Ausgedehnte Industrie- und Gewerbeparks mit spacigen Architekturen, Hochhäuser in exzentrischen Turmvariationen und mit Hightech-Fassaden signalisieren heute beim Blick auf die Skyline einer Stadt: Da fließen die Geldströme, da steckt Macht drin. Die entsprechenden Wahrzeichen aus vorindustrieller Zeit gehen fast unter, sind von himmelragenden Neubauten in den Schatten gestellt. Es war vor allem die über mächtige Stadtmauern emporragende Vielzahl an Türmen von Kirchen, Rathäusern oder Residenzen, die anno dazumal dem sich ungleich langsamer Annähernden die Bedeutung und das Machtgefüge einer Stadt vor Augen führten. Auf alten Stadtveduten (etwa der Schedelschen Weltchronik) lässt sich erkennen, dass aber auch die Dächer ein den Türmen ebenbürtiges Kriterium waren, das Ansehen der Bauherren weithin sichtbar zu machen. Denn weniger an der Höhe eines Turmes, sondern vielmehr an den Ausmaßen eines Daches kann man aus der Entfernung auch die Dimension eines repräsentativen Baus abschätzen. Und erahnen, wie potenziell doch der Auftraggeber sein musste, dass er sich solche – auch für die Zeit technisch – herausragende Zimmermannskunst leisten konnte, die unter einem so großen Dach steckt. Doch während die Bauherren und Baumeister namentlich gefeiert wurden, lassen sich die Namen der Zimmermeister, die den Gebäuden den gebührenden Abschluss gaben, in den Quellen kaum festmachen: Obwohl ihre Bedeutung für die Gesamtarchitektur keine geringe war, denn nicht nur in ästhetischer, sondern auch in technischer, also statischer Hinsicht müssen Dach und darunter liegender Bau aufeinander abgestimmt sein. Eine Ausnahme gibt es jedoch, die die Symbiose von Bau- und Zimmermannskunst ausdrückt: In der Münchner Frauenkirche hängen die Porträts Jörg von Halspachs und Heinrich von Straubings, also von Architekt und Zimmermann nebeneinander. Beachtet wurde das aber wenig – wie ohnehin das Dachwerk als Einheit aus Kunst, Baugeschichte und Handwerk in der Forschung eher stiefmütterlich behandelt wurde. Vielleicht auch deshalb, weil gerade die herausragenden großen Dachlandschaften im Zweiten Weltkrieg kaum zu verfehlendes Ziel von Bomben waren und deshalb in den Städten Deutschlands nur wenige historische Dachstühle erhalten sind, die zuvor trotz Umgestaltung der Gebäude oft jahrhundertelang in ihrer ursprünglichen Form überdauert hatten. Bamberg ist eine Ausnahme. Dort gibt es tatsächlich noch relativ viele Dachwerke, die bis zu 800 Jahre alt sind. Aufgespürt hat sie Manfred Schuller, der sie auch zum Pflichtthema im Aufbaustudium Denkmalpflege gemacht hat – Schuller war ab 1986 Professor für Baugeschichte und Bauforschung an der Universität Bamberg. Die Forschungsergebnisse wurden publiziert, und es gab eine Ausstellung dazu: Beides sehr anschaulich, weil viele Modelle die Konstruktionsprinzipien erklären. Es war das erste Mal, dass in einer deutschen Stadt eine derart ausführliche Topographie der Dachlandschaft angefertigt wurde. Und nun ist München an der Reihe. Manfred Schuller wechselte nämlich 2006 in seine Heimatstadt, übernahm dort an der TU den Lehrstuhl für Baugeschichte, Historische Bauforschung und Denkmalpflege. Freilich ist die Situation in München eine grundsätzlich andere als in Bamberg: Die Verluste durch Kriegszerstörung sind unvergleichlich gravierender. Dennoch steigt Schuller-Assistent Clemens Knobling jetzt vielen Münchner Häusern aufs Dach: „Vielleicht gibt es noch Spuren der historischen Dachwerke, zum Beispiel Abdrücke von Sparren an den aufrechten Wänden.“ Knoblings Blick ist geschärft: Er hat bereits seine Diplomarbeit über das mittelalterliche Dachwerk der Münchner Frauenkirche gemacht (und dafür den Hochschulpreis der Landeshauptstadt 2008 bekommen). Die Recherche dehnt er derzeit für seine Promotion aus: „Ich konzentriere mich allerdings nur auf die repräsentativen, prominenten großen Dachstühle. Die alten Dachstühle in den Bürgerhäusern, wie etwa in der Burgstraße, streife ich nur am Rand.“ Und das aus einfachem Grund: „Große Dächer sind eine große Herausforderung für die Zimmermannsleute und gleichermaßen für heutige Bauforscher.“ Wie schaffte man es mit damaligen Mitteln, große Flächen zu überspannen? Wie kann das Gewicht des Daches abgeleitet werden? Wie wirken Mauern, Decken, Gewölbe und Dachwerk zusammen?

(Karin Dütsch)

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