Kultur

Mit seinen Schweinderl sorgt der Zigeunerbaron für volle Häuser: Wie hier Bryan Boyce in der Titelrolle am Mainfrankentheater Würzburg. (Foto: Falk von Traubenberg)

29.05.2015

Musikalisches Lachtheater

Operette: An den fränkischen Theatern bleibt die leichte, aber doppelbödige Muse aktuell

Am Coburger Landestheater hatte kürzlich Carl Zellers Operette Der Vogelhändler Premiere: ein Klassiker, der nicht nur wegen des unsterblichen Ohrwurms „Ich bin die Christel von der Post“ seit seiner Uraufführung 1891 ununterbrochen auf den Spielplänen steht. Bei einer der Folgeaufführungen am 21. Mai, dem „Tag der kulturellen Vielfalt“, wollten die Coburger Theaterbesucher ihren Ohren kaum trauen: Scheinbar gut gelaunt begann das Orchester die Vogelhändler-Ouvertüre zu intonieren, doch schon nach wenigen Takten verstummten die Bläser, schwiegen die Violinen, und nur eine einzelne tapfere Geige hielt noch ein wenig durch, um schließlich ebenfalls aufzugeben.
Auf diese Weise demonstrierte das Philharmonische Orchester, wie es sich anhören könnte, wenn „der Kultur die Puste ausgeht“. Gemeint waren mit diesem Protest an dem vom Deutschen Kulturrat initiierten „Aktionstag gegen TTIP“ die denkbaren Folgen des Freihandelsabkommens mit den USA und Kanada für die öffentliche Kulturförderung in Deutschland.
Dass es in Coburg terminzufällig den Vogelhändler traf, entbehrt nicht einer gewissen Ironie, denn wenn es im Dreispartenwesen des deutschen Theaters irgendeine Gattung gibt, die aufgrund ihrer chronischen Beliebtheit kaum Gefährdungsrisiken aufweist, dann ist es die Operette. Dieses Genre ist auch in Franken zurzeit sehr en vogue, jedenfalls weit entfernt vom „Pusteausgehen“.

Was fürs Volk

Warum wird die Operette, an deren Entstehung mit Jacques Offenbach einer der originellsten Komponisten der Musikgeschichte beteiligt war, oft noch belächelt? An kleineren Stadttheatern kommt die Operette allenfalls als Gastspiel vor – obwohl das Haus dann stets voll ist. Größere Dreispartenhäuser, die sich aus Renomméegründen dem Opernrepertoire widmen, räumen der Operette eine mehr oder minder feste Quote ein, quasi nach dem Motto: Wir brauchen auch etwas für das Volk.
Natürlich gibt es die weltstädtischen Ausnahmen wie in Berlin (Komische Oper), Wien (Theater an der Wien und Volkstheater), München (Gärtnerplatztheater) oder Paris (Opéra Comique), wo sich neben den jeweiligen Staatstheatern spezialisierte Operettentheater mit eigenen Ensembles etabliert haben. Aber paradoxerweise wildern gerade diese Häuser mittlerweile kräftig im „seriösen“ Opernrepertoire der angestammten Platzhalter, so als wollten sie daran erinnern, dass eine der Wurzeln der Operette in der Parodie auf die ernste Oper liegt.
Das Nürnberger Opernhaus, Schlachtschiff unter den fränkischen Theatern, war seit jeher vom Operetten-Bazillus infiziert. Dort schlugen schon früh Zwei Herzen im Dreivierteltakt, besuchte der Vetter aus Dingsda die ferne Verwandtschaft oder brillierte der Zigeunerbaron. Auch heute Unbekannteres wurde geboten, zum Beispiel Die Frau ohne Kuss, Die keusche Susanne, Prinzessin Nofretete oder das Wachauer Mädel. Selbst Uraufführungen erlebte Nürnberg; erwähnen wir nur Nico Dostals Doktor Eisenbart (1952), Julius Bittners Der liebe Augustin (1917) oder die posthum aufgeführte Urfassung von Karl Millöckers Diana (1959).
Staatsintendant Peter Theiler vom Nürnberger Opernhaus, auf sein Verhältnis zur Operette angesprochen, bekennt große Zuneigung, schränkt die Aufführbarkeit aber auf jene Werke ein, die eine zeitlose Gültigkeit haben, weil es in ihnen um allgemein menschliche Züge geht: zum Beispiel um Gier und Verschwendung in der Lustigen Witwe. Auch in Johann Strauß’ Fledermaus („Glücklich ist, wer vergisst“) und manchen Lehàr- und Kálmán-Operetten habe die Beschreibung menschlicher Charakterzüge nichts an Relevanz verloren. Schwieriger sei es jedoch, die Zeitsatire in Offenbachs Operetten ins Heute zu übertragen.
Im Nürnberger Spielplan, so Peter Theiler, erfülle die Operette vor allem die Funktion der gut gemachten Unterhaltung, deshalb seien dort in den letzten Jahren Die Csárdásfürstin, Die Fledermaus, Orpheus in der Unterwelt und die Revue-Operette Im weißen Rössl entstanden.
Von Aktualisierungen hält der Intendant wenig, jedenfalls scheint er sie nicht den Zumutungen des Regietheaters ausliefern zu wollen. Dass eine Csardasfürstin auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs spielt (wie Peter Konwitschny es in Dresden gewagt hat), ist also in Franken einstweilen nicht zu befürchten.

Junge Talente fördern

Doch zurück zum umjubelten Vogelhändler, zurück nach Coburg. Dort hat die Affinität zur Operette Tradition, weil es schließlich von 1886 bis 1899 einen berühmten Mitbürger namens Johann Strauß (Sohn) gab. Folglich ist die ihm gewidmete Gesellschaft dort beheimatet, und die Coburger „Sommeroperette“ verschreibt sich seit 1994 mit ambitionierten Aufführungsprojekten der Förderung junger Talente. Im letzten Jahr stand Emmerich Kálmáns Zirkusprinzessin auf dem Programm.
Auch die anderen fränkischen Dreispartenhäuser vermelden Operettenpflege: In Würzburg bietet das Mainfrankentheater den Zigeunerbaron von Johann Strauß und widmet sich Otto Nicolais Lustigen Weibern von Windsor. Das Theater Hof gönnt Bambergs Bald-nicht mehr-Intendanten Rainer Lewandowski mit Rosen der Liebe einen operettenhaften Ausstieg aus dem Theaterjob, um sich dann in der kommenden Saison in Franz Lehárs Land des Lächelns zu stürzen.
Das passt gut zu jenem Begriff, den die Musikologen längst dem Operettengenre zuordnen: musikalisches Lachtheater. (Martin Köhl)

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