Kultur

Beim Linsen durch einen Türspalt in das Badezimmer von Zilla Leuteneggers Appartement sieht man nur das Abbild des Abbildes. (Foto: Leutenegger)

17.07.2015

Neckische Spielchen

Zilla Leutenegger richtet in der Pinakothek der Moderne ein Apartment ein

Dingdong – bitte einzutreten! Denn wenn eine Ausstellung „Ring my Bell“ heißt, lässt man sich das nicht zweimal sagen. Zumal im wirklichen Leben nur Oligarchen sich leisten können, was man da zu sehen kriegt. Aber im Museum, dem Reich der Träume, dürfen wir jetzt alle einen Blick werfen auf das 400 Quadratmeter(!) große „Apartment“, das Zilla Leutenegger (1968 geboren) da eingerichtet hat. „Für eine Münchner Wohnung ist das nicht schlecht“, meint die Schweizer Künstlerin lachend bei der Präsentation ihrer Großinstallation, die durch eine Schenkung der Sammlung Goetz Besitz der Staatsgemäldesammlungen wurde.
Entstanden 2004 bis 2007, ist die Arbeit eine Art Schöner-Wohnen-Idyll mit Fallgruben. Sie umfasst sieben Stationen, die verschiedene Räume einer Wohnung nachbilden – oder besser: vorstellen. Auf jeden Fall lässt man sich von Leuteneggers neckischen Schattenspielereien gerne hinters Licht führen – im wortwörtlichen Sinn.
Vergleichsweise harmlos geht’s dabei noch im „Living Room“ zu. Der besteht aus einer realen Zimmerpalme im Kübel, die ihren Schatten an eine weiße Wand wirft, auf die dann eine Zeichnung projiziert wird: Esstisch, Stühle und Regal sind da mit nachlässigen Strichen skizziert, wie im Entwurf eines Innenarchitekten.
Im „Bedroom“ wird’s schon doppelbödiger. Da sieht man ein mit schwarzen Umrisslinien an die Wand gemaltes Bett und daneben eine einfach hingekrakelte Stehlampe, die einen grellweißen Lichtkegel auf die Liegestatt wirft. Der ist aber real: als exakt in die Zeichnung eingepasste Projektion aus dem Beamer.
Voyeure kommen im „Bathroom“ auf ihre Kosten, in den man nur durch einen Türspalt blinzeln darf: Im schlichten Spiegel über dem Waschbecken sieht man als (gespiegeltes) Video die Silhouette einer duschenden Frau – und kommt sich vor wie in Platons Höhlengleichnis, wo nur Abbilder von Abbildern zu sehen sind.

Gewollt unvollständig

Fast gespenstisch wird es schließlich in der „Library“: da steht ganz leibhaftig ein bequemer Sessel samt Leselampe. Aber der Schattten, den er an die Wand wirft, ist keiner, sondern wieder eine Videoprojektion, die zusätzlich die Silhouette eines Menschen zeigt, der im Sessel fläzt. Keine Frage, die gar nicht so unbewussten Wünsche müder Museumsbesucher, die sich auch gern entspannt ausstrecken würden, werden hier buchstäblich ins Kunstwerk hineinprojiziert.
Als Zeichnerin, die Film und Video „ein bisschen missbraucht“, wie sie sagt, sieht sich Zilla Leutenegger. Ihre „Lichtzeichnungen“ kokettieren mit der Tradition des Trompe-l’oeil, also des Täuschungsbildes, wie auch des barocken Illusionismus mit seiner gemalten Scheinarchitektur. Aber bei der Schweizerin bleibt die Illusion gewollt unvollständig: So verblüffend realistisch sie im Detail wirkt, so deutlich ist sie sofort als Spiel und bloßer Schein erkennbar. Über die bei zeitgenössischen Künstlern beliebte Reflexion von Wahrnehmungsmechanismen geht Leutenegger dennoch hinaus. Das Unvollkommene, Provisorische wird hier zur augenzwinkernd-grotesken Allegorie unserer fragmentierten Existenz. (Alexander Altmann)

Bis. 4. Oktober. Pinakothek der Moderne, Barer Straße 40, 80333 München. Tgl. außer Mo. 10 – 18 Uhr, Do. 10 – 20 Uhr. www.pinakothek.de

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