Kultur

Entwurf der Gleis-Installation in der großen Ausstellungshalle des Dokumentationszentrums: Lichtschienen führen zum Torbau (Projektion) des Vernichtungslagers Auschwitz. Statt Schotter füllen 60 000 Namenskärtchen das Gleisbett. Foto: Büro Müller-Rieger

09.04.2010

Netzwerk der Erinnerung

Eine Ausstellung in Nürnberg arbeitet die Rolle der Reichsbahn beim Massenmord an den Juden auf

Nürnberg steht heuer ganz im Zeichen der Feiern zum 175-jährigen Eisenbahnjubiläum – es stellt sich aber auch den dunklen Schatten, die während des Nationalsozialismus auf die Deutsche Reichsbahn fielen: Die Ausstellung "Das Gleis – Die Logistik des Rassenwahns" im NS-Dokumentationszentrum auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände Nürnberg geht ab 19. Mai nicht nur auf die unrühmliche Geschichte der Bahn bei den Massendeportationen in die Vernichtungslager im Osten ein, sondern auch auf deren Ursache, die Nürnberger Rassegesetze, die vor 75 Jahren in der Frankenmetropole ausgerechnet bei Hitlers „Reichsparteitag des Friedens“ verkündet wurden. Der formal noch existierende Reichstag war eigens dafür telegrafisch nach Nürnberg einberufen worden, um das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ am 15. September 1935 einstimmig anzunehmen. Das „Blutschutzgesetz“ legalisierte die Verfolgung und letztlich auch Vernichtung des deutschen und europäischen Judentums und den Massenmord in den Lagern im Osten. 1985, beim 150-jährigen Jubiläum der ersten deutschen Eisenbahnfahrt von Nürnberg nach Fürth, hatte sich die Deutsche Bahn bei der Frage nach der Rolle der Reichsbahn im Nationalsozialismus noch sehr restriktiv verhalten und erst nach Protesten in letzter Minute diesem verdrängten Kapitel ihrer Geschichte in der großen Eisenbahnausstellung in Nürnberg Platz eingeräumt. Jetzt beteiligt sich die Deutsche Bahn nicht nur finanziell an der Ausstellung Das Gleis, sondern arbeitet über das Nürnberger DB-Museum (Verkehrsmuseum) mit dem Dokumentationszentrum zusammen und stellt außerdem Gruppenfahrkarten im Wert von 25 000 Euro für polnische und deutsche Schulklassen bereit, die die Nürnberger Ausstellung besuchen. Von Mai bis Oktober bekommen dann die Besucher gleichsam an einem Originalschauplatz der Täter, in bisher ungenutzten Räumen der gigantischen, nie fertig- gestellten Kongresshalle der Nazis auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände, die größte Ausstellung zu sehen, die das Dokumentationszentrum seit seiner Eröffnung 2001 ausgerichtet hat. Im Mittelpunkt wird die dokumentarisch-künstlerische Installation Das Gleis stehen: Lichtschienen führen wie ein Eisenbahngeleise in den projizierten Torbau des Vernichtungslagers Auschwitz, hinter dem sich die Rampe befand, an der die Menschen „selektiert“ und entweder sofort in den Gaskammern ermordet oder in die Arbeitslager geschickt wurden. Das Gleisbett dieser Installation ist nicht mit Schotter, sondern mit 60 000 Namenskärtchen gefüllt, die – nur zu einem Hundertstel – symbolisch für die sechs Millionen Opfer des Massenmords stehen. (Friedrich J. Bröder)

 

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