Kultur

Charaktere statt Karikaturen: Die Protagonisten im „Weißen Rössl“; oben links (mit Schal) Christian Lex.

23.07.2010

Operettenselig ohne Geigen

Klamauk mit Tiefgang: Christian Lex hat für das Münchner Lustspielhaus „Im Weißen Rössl“ zerlegt und neu zusammengebaut

"Der Kaiser hat einfach vergessen zu sterben“, rechtfertigt Christian Lex lappidar den Anachronismus – und deshalb lässt er Franz Joseph I. auch noch durchs Weiße Rößl der 1930er Jahre geistern. Allerdings ist Majestät schon leidlich tattrig: Ohne Rollator geht’s nicht mehr mit dem Gehen, und beim Hören wäre auch eine technische Hilfe dringend geboten. Mit der allerdings wäre manche Pointe perdu, die sich aus dem Nicht-richtig-Verstehen ergibt.
„Die verrate ich jetzt nicht“, sagt Christian Lex. So kurz vor der Premiere lässt sich der Regisseur nicht in die Karten schauen: Am 27. Juli hat Im Weißen Rössl Premiere im Münchner Lustspielhaus – in der kleinsten Fassung, die es je gab. Nur sechs Schauspieler und drei Musiker stemmen die 80 Jahre alte Operette, die einst mit einem 250-köpfigen Orchester und viel Revue-Tamtam in Berlin über die Bühne ging, und von dort aus Paris, London und selbst den Broadway eroberte, den Nationalsozialisten dann als „entartet“ galt, in den 1950ern und 60ern ihre erste Renaissance im Film feierte und seit Kurzem ihre zweite auf den Bühnen erlebt.

Lauter Ohrwürmer

Der Erfolg wird quasi mitgeliefert: Eine so hohe Dichte an Ohrwürmern hat kaum eine andere Operette. „Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist?“, „Es muss was Wunderbares sein“, „Die ganze Welt ist himmelblau“, „Zuschau’n kann i net“... Diese Melodien wird man nicht mehr los: „Selbst nach zwölf Stunden Proben, wenn wir dann noch auf ein Bier gehen, singen wir die Lieder“, begeistert sich Christian Lex.

Man wird ein bisschen argwöhnisch: Heute eine Operette à la „olle Schmonzette“ – und vor allem fürs Lustspielhaus? Ein 33-jähriger Regisseur, der sagt: „Ich habe die Operette zerlegt und neu zusammengebaut.“ Das musikalische Arrangement für nur drei Bläser – von Stefan Dettl, der für die Melange „Bayern-Balkan-Brass“ steht, auf die man in der „Szene“ abfährt. Mit Luise Kinseher und Severin Groebner in den Hauptrollen richtige Vollblut-Kabarettisten...

Erwartet das Publikum statt Operettenseligkeit eine rüde „Entweihung“ des Genres à la Bully Herbig? „Ein Wiener würde ,jein’ sagen“, grinst Christian Lex, beruhigt aber: „Die ältere Generation wird vielleicht überrascht sein, aber bestimmt nicht entsetzt!“

Strapse und Tanga

Die Wirtin in Strapsen und der schöne Sigismund im Tanga? Nein, „trashig“ soll das neue Weiße Rössl nicht werden – „wir haben das Stück sehr ernst genommen“, sagt der autodidaktische Theatermann Lex. Ernst und Komik müssen sich ja nicht ausschließen: „In einer noch so großen Tragödie kann etwas Komödienhaftes stecken. Mich interessiert es einfach, das gängige Format der Komödie aufzulösen, um zu zeigen, was die Komödie alles kann. Da soll es einem auch mal kalt über den Rücken laufen, dann wieder soll es krachert lustig sein.“

Lex hat sich durchgearbeitet zur Weißen Rössl-Uraufführung von 1930 mit Kabarettisten und Komikern, hat vor allem die Peter Alexander/Waltraut Haas-Verfilmung von 1960 links liegen lassen, hat platte Scherze und manch überflüssige Rolle gestrichen, die Sprache in ihrem Erzählrhythmus „verjüngt“. „Vieles am Originaltext war sogar richtig frivol, beim Text für den Sigismund habe ich mich deshalb an den alten Text gehalten.“ Den Sigismund spielt Lex selbst.

Ein Weißes Rössl ohne Romantizismus und ohne „Revuegedöns“: „Wir haben uns auf den Kern konzentriert, auf die drei Liebesgeschichten.“ Dazu setzt Lex auf eine starke Figurenzeichnung: „Wir wollen nicht wie in der Operette einfach Lied für Lied abspulen. Dann geht der Zuschauer heim, hat vielleicht die Melodien im Kopf, aber sonst bleibt nichts hängen.“ Seine Figuren sollen keine Karikaturen, sondern Charaktere sein. „Tiefe“ auch im „klamaukigen Spiel“: „Je fester die Figurenzeichnung, desto mehr Komik hält sie aus.“ Der Stückbearbeiter und Regisseur lässt den Schauspielern viel Freiheit, ihre Rollen selbst zu entwickeln.

Vor allem Luise Kinseher und Severin Groebner in den Rollen von Wirtin Josepha und Kellner Leopold „müssen ihre Persönlichkeiten in die Figuren mit einbringen dürfen. Nur so wirkt das Stück.“ Und so ist die Wirtin eine selbstbewusste Frau („auf keinen Fall eine Emanze!“, ist Lex wichtig), die ihren Laden schmeißt und sich gegen die Männer abschottet, weil die in der Regel nur hinter ihrem Geld her sind. Selbst dem Kaiser fügt sie sich nicht sprachlos: Als der sein Lied vom Fügen und Bescheiden singt, variiert Josepha den Text in ihrer Reprise und singt lieber vom wahren Glück, das man halt bloß erkennen müsse.

Auch der Ottilie, die man meist als Hascherl kennt, das lediglich schön ist, widmet Lex einen eigenen Erzählbogen: Auch bei ihr tut sich was in den zwei Stunden Aufführung. „Lebensecht“ fürs Publikum wird sie vielleicht am meisten, wenn sie schmachtet „Mein Liebeslied muss ein Walzer sein“, vom Walzertanzen aber keinen blassen Schimmer hat.

„Wir haben über das Frauenbild in der Operette diskutiert. Da musste man einfach manches angehen“, sagt Christian Lex. „Die Männer“, fügt er an, „kommen in unserer Fassung gar nicht so gut weg, obwohl das Ganze ja von Männern geschrieben wurde“: Der Kaiser, der als Autorität nicht mehr ernst genommen werden kann ebenso wie Sigismund, der als bisserl spießiger, verschrobener Tollpatsch bei seiner Liebeserklärung auch noch ausrutscht.

Improvisation hält frisch

Vielleicht muss man an dem Abend auch den einen oder anderen Ausrutscher bei Gesang und Tanz einkalkulieren: „Wir sind alle keine professionellen Sänger oder Tänzer“, stellt Lex klar, und dass das aber ja auch in der ursprünglichen Fassung vom Weißen Rössl so war. Außerdem „machen wir keine Stadttheater-Operette“.

Auch in der musikalischen Bearbeitung gilt größere Freiheit: „Nicht jede Note ist geschrieben“, erklärt Stefan Dettl, der mit Hans Kröll das Arrangement ausgearbeitet hat; Dettl ist Mitbegründer der Chiemseer In-Band LaBrassBanda. „Die Musiker sollen improvisieren dürfen und nicht Tag für Tag das gleiche Arrangement runterspielen. Dann haben sie mehr Spaß und das Ganze klingt frischer.“

Die „unsterblichen“ Melodien sollen nicht wie „Schnulzen“, sondern „spannend anders“ rüberkommen: Statt Koloraturen hört man auch Swing und Jazz. Und bei „Es muss was Wunderbares sein, von dir geliebt zu werden“ wird das Publikum nicht auf einen walzerseligen Geigenteppich gebettet, sondern kann zu bläser-schmissigem Tango mit den Füßen wippen. Selbst der skurrile, zappelige Jitterbug aus den 1920er Jahren ist eingebaut. Und dann wieder die einsame Trompete bei „Zuschau’n kann i net“...

Das i-Tüpfelchen der Inszenierung ist das Bühnenbild: Das ganze Lustspielhaus mit seinem leicht angestaubten, „tüteligen“ Interieur aus Tischchen, Lämpchen und roten Samtnischen wird zur Bühne – es mutiert selbst zum Hotel Weißes Rössl. Der Ausflug dorthin ist vielversprechend. (Karin Dütsch)

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