Kultur

22.06.2015

Oratorium in Surround

Ungewohntes Raumerlebnis: Bachs Johannes-Passion zum Auftakt der Nürnberger Orgelwoche

Von Epikur bis Gauck, alle haben gescheite Dinge über „Freiheit“ gesagt. Sie werden im Programm der 64. Internationalen Orgelwoche Nürnberg nicht nur zitiert, sondern das Festival  macht „Fre!Heit“  zu seinem  Motto und räumt gleich mal die Lorenzkirche aus. Weil Folkert Uhde, der künstlerische Leiter in seinem dritten Jahr, Bachs Johannes-Passion „aus der Wir-Perspektive“ erlebbar machen will. Das bedeutet: alle Mitwirkenden ohne Schlips und Kragen, Concerto Köln und der Chor des Bayerischen Rundfunks (Dirigent: Peter Dijkstra) mitten im Mittelschiff, die Solisten drumherum verstreut und  alle von vier großen Fernsehkameras umschwirrt.

Langes, bedeutungsschweres Schweigen zu Beginn, mächtiges Geläut (deswegen fängt man auch erst um 21 Uhr an) – Nürnbergs Publikum lässt sich ehrfürchtig auf alles ein. Auch darauf, dass  es sich in Dijkstras bewährte und hochgelobte Münchner Interpretation, in  die ungewohnte Surround-Akustik erst einhören muss: die beiden Chorteile singen sich gegenseitig an, die Solisten wandern mit ihren Arien durch die Oratoriumsarena. Jesus, der Ansprechpartner für alle, sitzt die ganze Passion über auf einem Stuhl, steht Rede und Antwort, hört  - manchmal verwundert – den Chorälen zu. Um ihn herum  ein bisschen laienspielhaftes Schreiten, ein Oratorien-Oberammergau.

Die bisherige Konzert-Konvention wird durch des Kaisers neue Kleider ersetzt, der Kirchenraum wird zum Aufnahmestudio. Wenn man das Glück hat, in der dritten Reihe zu sitzen, dann kann man das Passions- und Oratoriumsgeschehen auch durch die Monitore der Kameras und ihren jeweiligen Bildausschnitt verfolgen: den sängerisch fabelhaften und darstellerisch intensiven Tenor Tilman Lichdi zum Beispiel, der mit seinen Fragen (Arie Nr. 13) hereingestürmt kommt, den beeindruckenden Evangelisten Maximilian Schmitt oder die milde zu ihrem Herrn (Tareq Nazmi)  aufblickenden Solistinnen Anke Vondung und Christina Landshamer.

Zum szenischen Mittelpunkt wird auch wegen seiner beeindruckenden vokalen Statur die Auseinandersetzung mit Pilatus (Kresimir Strazanac).  Man sieht durch das Auge der Kamera die Solisten des unterschiedlich gut hörbaren Concerto Köln oder die immer wieder bedeutungsschwer wechselnde Beleuchtung der Kirche mit ihren großartigen Kunstwerken. Da fühlt man sich weniger ergriffen als gut unterhalten. Und ist gespannt, was BR und ARTE in ihrer Aufzeichnung noch alles für Blickwinkel auf die neue Freiheit bei Bach gefunden haben. St. Lorenz jedenfalls wurde zum medialen Experimentierlabor, zum Aufnahmestudio, zum Gemeindesaal. Und zum Schlusschoral von den „Lieb Engelein“ lässt Uhde die Kirche in vollem Glanz erstrahlen, die Solisten gruppieren sich um den Dirigenten, alle singen mit. Applaus, Spannung auf das, was der Berliner mit der Freiheit zum „Ja, ich will!“ die nächsten Tage im Nürnberger Justizgebäude oder in der Tafelhalle inszenieren wird – mit DJ. (Uwe Mitsching)

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