Kultur

András Schiff liebt den Kontakt mit dem Publikum - und das kam im Neumarkter Reitstadel voll auf seine Kosten. (Foto: dpa)

21.12.2015

Perlender Witz und grimmiger Humor

András Schiff begeistert im Neumarkter Reitstadel mit dem Auftakt zum Zyklus "Die letzten Sonaten"

Im Neumarkter Reitstadel hat man die einzige Chance in Bayern, den dreiteiligen Zyklus "Die letzten Sonaten" mit Sir András Schiff nach Aufführungen in Berlin, Zürich oder bei den Salzburger Festspielen zu hören: noch dazu in sonntäglichen Matinéen, die eine weitere Anfahrt ermöglichen. Jetzt gab es die erste mit den "drittletzten" Sonaten von Haydn, Beethoven, Mozart und Schubert. Der kleine Saal war bis aufs Podium hinauf und die Fensternischen hinein ausverkauft.

Gefühl fürs Dramaturgische

Schiff liebt den Kontakt zum Publikum, ist nicht wie Glenn Gould der Mann fürs hermetisch abgeschottete Tonstudio: Er will zeigen, wie leichtfüßig perlender Rokokowitz bei Haydn zu Beethovens grimmig-abgründigem Humor passt, wie schwer und virtuos Mozarts "Sonate facile" eigentlich ist und ihr Publikum ideenreich mit Mollwendungen, Vorhalten und Verzierungen düpiert als wären es kleine Stolpersteine und große Lebensweisheiten. Auch bei Haydns Sonate Nr. 50 übrigens mit ihren vielen Trugschlüssen, die der Komponist wie ein Labyrinth aufbaut, aus dem Schiff triumphierend an jedem Satzende herausführt.

Das alles führt er genüsslich bis in jede dramaturgische Einzelheit der "letzten Sonaten" vor. Die sind ja keineswegs im Bewusstsein eines nahenden Todes (außer vielleicht bei Franz Schubert) komponiert worden, nicht als bedeutungsschwere Legate an die Nachwelt, nicht von Komponisten, die als karrieresüchtige Heißsporne der Kunstwelt noch beweisen mussten, was sie können. Drei von ihnen hatten noch viele Meisterwerke, auch auf dem Klavier, vor sich, nur einer wusste, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb.

Ein bisschen Theaterdonner

Und so zeigt Schiff Schuberts Sonate D 958 in der Ambivalenz der Liedzyklen, mit ein bisschen Theaterdonner des erfolglosen Opernkomponisten, in post-beethovenscher Gigantenverehrung und -verklärung. Aber auch ergriffen von verfehlten Lebenszielen und mit vielen visionären Elementen. Geradezu kämpferisch arbeitet Sir András diese Kontraste heraus, die manchmal in plötzliche Gedankenverlorenheit münden (etwa im Adagio).

Diese dichte Atmosphäre macht gerade die Schubert-Sonate zum Höhepunkt dieser ersten Matinée und zeigt Schiff als einen wunderbar verdeutlichenden Pianisten auf einsamer Höhe seiner Kunst. Dem solche plausiblen Ideen einfallen wie im Adagio von Beethovens op. 109, wo das Tempo wirkt, als würden Beethoven und Schiff einen Liebesbrief schreiben. Überall denkt Schiff in solch sehr unterschiedlich colorierten Bildern: etwa in wuchtigen Akkorden, wenn er Haydns Sonate Nr. 50 wie eine Ouverture zu seinem Zyklus beginnen lässt, geschwindem Läufen in perfektem jeu perlé, zu Herzen gehend oder amüsant, wenn er etwa dem Humor bei Haydn und Beethoven, bei Lehrer und Schüler nachspürt.

Spielen nach Bildern

„Wenn ich spiele, stelle ich mir Bilder vor“, sagt Schiff. Und man kann diese Bilder an Schiffs Mienenspiel ablesen. Auch sein Vergnügen, wenn er mit allerhand Trugschlüssen, Moll-Wendungen, Vorhalten und Verzierungen das Publikum durch so ein Sonaten-Labyrinth wie bei Haydn führt. Sich selbst und dem Publikum gönnt Schiff keine Pause, zwischendurch geht höchstens das Taschentuch mal zur Stirn: die Konzentration darf keinen Moment nachlassen.

Dann entlädt sich die Begeisterung in Ovationen, und Schiff antwortet mit der Frage: "Was soll man danach noch spielen?" Aber natürlich weiß er es: die "Geistervariationen" von Robert Schumann, wirklich ein "letztes" Werk. (Uwe Mitsching)

Info: Die nächsten beiden Matinéen am 17. Januar und am 8. Mai.

Einen Online-Kommentar verfassen - so geht's

Scrollen Sie einfach ans Ende des Artikels, den Sie kommentieren wollen und geben Sie Ihre E-Mail-Adresse und einen nickname an. Die Nennung Ihres Namens ist freiwillig. Für die Nutzer sichtbar ist in jedem Fall NUR der nickname. Sie müssen sich auch nicht auf unserer Homepage anmelden. Aber unsere Netiquette akzeptieren. Und schon können Sie loslegen!

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!

Neuen Kommentar schreiben

Die Frage der Woche

Frage der Woche KW 33 (2017)

Soll die elektronische Gesundheitskarte abgeschafft werden?

Umfrage Bild
 

Lesen Sie dazu in der Bayerischen ­Staatszeitung vom 18. August 2017 auch die Standpunkte unserer Diskutanten:


Wieland Dietrich,
Vorsitzender der Freien Ärzteschaft e.V.

(JA)


Melanie Huml (CSU), bayerische Gesundheitsministerin

(NEIN)

arrow
Facebook
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

Shopping
Anzeigen Mediadaten
eaper
E-Paper
ePaper
zum ePaper
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.