Kultur

Feudale Piraten: Prinz Leonce (Clemens Giebel, links) und Valerio (Steffen Rieckers) als königliche Müßiggänger. (Foto: Jo Quast)

14.10.2011

Persiflage aufs Süßliche

Georg Büchners "Leonce und Lena" in Erlangen

„Die abgelebte moderne Gesellschaft … mag aussterben. Das ist das einzig Neue, was sie noch erleben kann“, schrieb 1836 der Georg Büchner, der schon in einem sozialrevolutionären Pamphlet Friede den Hütten! Krieg den Palästen gefordert und in seinem wohl berühmtesten Drama, Dantons Tod, der Freiheit ein theatrales Denkmal gesetzt hatte. Aber Büchner (1813 bis 1837) konnte auch anders: in seinem Liebes-, Lust- und Staatsschauspiel Leonce und Lena, das er 1836, ein paar Monate vor seinem Tod, hingefetzt hatte und das erst 1885 in München uraufgeführt wurde, machte er sich über die feudalen deutschen Operettenstaaten lustig.
Jetzt nahm sich das Theater Erlangen des ebenso poetischen wie sarkastisch politischen Stückes an und stellte es im herrlich passenden Ambiente des barocken Markgrafentheaters in einer furios verspielten Inszenierung von Constanze Kreusch aus.
Die unvergleichlich komische, sprachwitzige, wortspielerische, ja fast dadaeske Persiflage auf die süßliche deutsche Romantik schlägt sich schon in der Karikatur deutscher Kleinstaaterei nieder: In den niedlichen Liliput-Königreichen Popo und Pipi langweilen sich Prinz Leonce und Prinzessin Lena fast zu Tode und trotzen ihrem vorbestimmten Schicksal, sich als künftige Herrscher ins Establishment zu integrieren, mit allerlei Schabernack, Nonsens und vor allem Müßiggang.
Im Bühnenbild und in Kostümen (Petra Wilke) wie aus dem Poesie-Album albern Clemens Giebel als Leonce und Linda Foerster als Lena nebst dem großartigen Macho-Verschnitt Steffen Riekers als Valerio in turbulenten Actionszenen zwischen den als Volk aufgestellten Pappkameraden über die Bühne. Argwöhnisch und missbiligend beobachtet von König Peter von Popo (Hermann Große-Berg) und dem biedermeierlich-steifen Staatsrat, den Winfried Wittkopp und Christian Wincierz gravitätisch zur grandiosen Perücken-Parodie hinstelzen.
Wie aus dem Geiste der Piratenpartei macht die Regisseurin daraus eine bezaubernde Politik-Romanze mit dem Charme einer auf die Spitze getriebenen Spieluhren-Romantik – freilich nicht ohne existentialistischen Tiefgang, in dem die Verelendung des auf Vivat-Rufe gedrillten Volkes aufscheint. Die Live-Musik der Band, in der vor allem Winfried Wittkopp auf die Pauke haut, untermalt mit Hard-Rock und Pop eine furios fabulierende, bilderreiche Inszenierung, die vom Publikum begeistert gefeiert wird.
(Friedrich J. Bröder)

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