Kultur

Optisch und thematisch ein bunter Schaukasten: Eingangsseite der Internetplattform bavarikon. (Screenshot: BSZ)

13.01.2017

Run auf den digitalen Fundus

Das Internetportal www.bavarikon.de hat sich als Teil des bayerischen Kulturkonzepts etabliert

Man könnte www.bavarikon.de als virtuelle Expo zu Bayerns Kulturschätzen beschreiben. Man muss nicht quer durchs Land reisen, von Museum zu Museum, von Bibliothek zu Bibliothek, von Schloss zu Burg eilen, sich um unterschiedliche Öffnungszeiten kümmern, in manche Warteschlangen einreihen und Eintritt entrichten, schließlich riskieren, dass der Alarm losgeht, wenn man exklusiven Exponaten zu nahe kommt.

Nein, hier kann man rund um die Uhr in den eigenen vier Wänden oder via mobilem Gerät von überallher im Nullkommanichts durch virtuelle Ausstellungsräume zappen – ja, sogar durch Depots und Tresore, wo aufgehoben wird, was sonst nie oder nur äußerst selten hervorgeholt wird. Und wer mit dem Finger Zeile für Zeile über die Seiten einer mittelalterlichen Handschriften fahren oder sich die Nase an einem altägyptischen Glaskelch plattdrücken will, um die feinsten Einschlüsse und Schlieren zu studieren: Der darf das tun, muss dann halt allenfalls seinen Bildschirm putzen.

Wer in bavarikon reinklickt, schnuppert mal nur kurz in die Rubrik „Glanzlichter“ hinein oder braucht nur wenige Augenblicke, wenn er gezielt in der Ortsdatenbank recherchiert. Mal dauert der Besuch mehrere Minuten, gar Stunden – wenn man sich einfach schmökernd treiben lässt von Sparte zu Sparte, von Gemälden zu Fotografien, von Handschriften zu Drucken, von archäologischen Fundstücken zu historisch bedeutenden Architekturen. Oder wenn man die redaktionell umfassend aufbereiteten Themenschwerpunkte studiert.

Gibt man beispielsweise in der Suchmaske „Bavaria“ ein, zeigt die Statistik, dass dazu 3549 Texte und 175 Bilder im digitalen Angebot zu finden sind. Übersichtlich aufgeschlüsselt (einzeln anklickbar) wird das Angebot nach:

• Objektkategorie (Buch, Datensatz, Bauwerk)
• Sparte (Bibliothek, Museum, Wissenschaft...)
• Datenliefernde Institution (Schlösserverwaltung, Haus der Bayerischen Geschichte...)
• Bestandshaltende Institution (Universitätsbibliothek Regensburg, Staatl. Münzsammlung...)
• Rechtedeklaration (Free Access, Creative Commons...)
• Person

Etwa 210 000 digitale Exponate sind derzeit in bavarikon zu finden. Entscheidend ist, dass nicht unbedingt vollständige Sammlungen durch die mitwirkenden Partner eingebracht werden müssen, sondern auch Teilsammlungen oder ausgewählte Stücke möglich sind. Die beteiligten Institutionen behalten natürlich ihre eigenen Webauftritte und digitalen Angebote, sie können allerdings die von bavarikon eigens digitalisierten Exponate ihrerseits im eigenen Auftritt verwenden (sie bekommen – für sie kostenlos – eine identische Kopie des Digitalisats).

Seit Mai 2015 stehen die virtuellen Tore bavarikon für jeden weltweit offen (die Betaversion ging 2013 an den Start).

Mehr als eine Expo

„Das Bild mit der Expo ist einprägsam, trifft den Kern von bavarikon aber nur teilweise“, korrigiert Klaus Ceynowa, der Generaldirektor der Bayerischen Staatsbibliothek (BSB). „bavarikon bietet weitaus mehr als nur den Ort der gemeinsamen Präsentation. Wichtig ist die Vernetzung im Hintergrund, es ist explizit eine technische Infrastrukturmaßnahme.“

Bei der Expo hat jeder Aussteller seinen Stand mit individueller Ausstellungsarchitektur – genauso sind die Internetplattformen Deutsche Digitale Bibliothek und Europeana quasi als Vermittlungsagenten organisiert: Beim Anklicken wird man zum jeweiligen Internetangebot der Partnerinstitution weitergeleitet; die Digitalisate sind quasi verlinkt. In bavarikon dagegen bleibt man immer innerhalb der gleichen Webadresse. bavarikon verfügt selbst über die digitalen Daten dessen, was es anbietet.

Das ist (neben der hohen inhaltlichen Diversität) der Pluspunkt im Vergleich zu anderen Kunst-, Kultur- und Wissenschaftsplattformen, ein Alleinstellungsmerkmal in Deutschland: Es gibt keine zeitlichen Verzögerungen, weil alle Daten zentral gespeichert sind (Leibniz-Rechenzentrum), präsentiert wird alles auf nur einer Nutzerplattform mit einheitlicher Bedienoberfläche. Wer also reinklickt, muss sich nicht erst mühsam mit den unterschiedlichsten Webphilosophien und Homepagestrukturen der vielen Partner auseinandersetzen – nicht jeder von ihnen kann sich ein so anspruchsvolles technisches Angebot wie bavarikon leisten, wenn man allein an den speziellen Viewer denkt, der es auch am heimischen PC erlaubt, Objekte in 3-D von allen Seiten anzuschauen, sich in sie reinzuzoomen.
Über 40 Institutionen machen bislang mit bei dem Projekt – das keine Erfindung der Bayerischen Staatsbibliothek ist, sondern von „ganz oben“ initiiert wurde: 2012 beschloss das Kabinett ein „Bayerisches Kulturkonzept“: Darin wurde gleichwertig neben neuen Landesmuseen und „Leuchtturmprojekten“ festgeschrieben, dass ein digitales Kulturportal eingerichtet werden soll. „Das Medium Internet ist ein unverzichtbares Format, um bayerische Kultur lebendig und auch für die junge Generation ansprechend und faszinierend zu präsentieren“, meinte der damalige Leiter der Staatskanzlei, Thomas Kreuzer.

Grundsätzlich sind nun das Kultus- und das Finanzministerium für bavarikon zuständig, sie geben die Richtlinien vor. Ein bavarikon-Rat (13 Mitglieder) entscheidet dann über die konkreten Projekte, die aufgenommen werden. Bei der BSB schließlich ist der technische, redaktionelle und organisatorische Betrieb angesiedelt, es gibt dort eine eigene bavarikon-Geschäftsstelle.

Das bavarikon-Team hat genug zu tun: „Die Digitalisierungskampagne läuft sich jetzt erst so richtig warm“, freut sich Klaus Ceynowa, „inzwischen müssen wir nicht mehr werbend auf die Institutionen zugehen, Ängste vor der digitalen Enteignung abbauen. Zunehmend wird erkannt, dass bavarikon ein einmaliger Service ist. Immer mehr Interessenten kommen auf uns zu. Übrigens auch nichtstaatliche.“

Der Fundus in bavarikon wächst sprunghaft an. Allein wenn im Frühjahr das neue Portal „Digi-Press“ integriert wird, kommt zahlenmäßig ein ganzer Schwung an Objekten hinzu: „Ein wahrer Schatz an historischen Zeitungen“, verspricht Klaus Ceynowa, „das schließt eine wichtige Lücke im digitalen Angebot.“

Der Freistaat lässt sich sein Renommierprojekt jährlich zwei Millionen Euro brutto kosten. Bislang ist der Etat durch den aktuellen Doppelhaushalt bis Ende 2018 gesichert – aber ein Aus wird es für bavarikon nicht geben: Im Kern ist keine finale Auslastung, kein Endstadium definiert. „Das Projekt hat inzwischen eine derartige Größe im Netz, einen enormen Zuspruch – da gibt es kein Zurück mehr“, ist sich Klaus Ceynowa sicher. „Es wird bestimmt nicht irgendwann nur noch ein toter Zugang übrig bleiben. Entscheidend ist ja, dass bavarikon von der Politik nicht als virtuelles Supermuseum, sondern explizit als technische Infrastrukturmaßnahme vorgegeben wird. Und die ist als Modul der Zukunftsstrategie ’digitale Bildung’ eine permanente Herausforderung.“

Neues in der Schublade

„Wenn wir das Portal lebendig halten und vor allem weiter ausbauen wollen, bräuchten wir allerdings zusätzlich eine Million Euro nur für die Digitalisierungskampagne“, überschlägt Klaus Ceynowa den künftigen Finanzbedarf, von dem er sich eine „Verstetigung der Mittel“ wünscht, um auch längerfristig planen und entwickeln zu können.

Das bavarikon-Team habe nämlich schon einige Konzepte angedacht, die dringend umgesetzt werden müssten, die einen größeren Mehrwert für die Zukunft deutlich machen sollen. Das betrifft zum Beispiel die Nutzeroberfläche. Die Architektur mit Kacheln und Suchschlitz ist traditionell – jetzt geht es um die Entwicklung der „gefühlten Suche“: Wer sich in bavarikon reinklickt, soll komfortabel mit Kontexten bedient werden, die er beim ersten Gedanken noch gar nicht im Sinn hatte. (Karin Dütsch)

Aus dem digitalen Fundus
Ob mittelalterliche Handschriften, Grafiken, Gemälde, Karten, Archäologisches: Über 210 000 digitalisierte Objekte aus allen möglichen Sparten hat www.bavarikon.de in seinem Fundus. In den nächsten Ausgaben der Bayerischen Staatszeitung stellen wir Ihnen exemplarisch Digitalisate vor.

Abbildung:
Zahlreiche Objekte können in 3-D von allen Seiten betrachtet werden. Hier eine Jupiterstatuette aus dem RömerMuseum, Weißenburg i.Bay., einem Zweigmuseum der Archäologischen Staatssammlung München.

 

 

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