Kultur

Überlebensgroß und mit Zeitung unterm Arm: So begegnet man Sigi Sommer in der Münchner Rosenstraße. Die Bronzestatue stammt von Max Wagner. (Foto: SZPhoto)

14.08.2014

Rustikaler Poet des Boulevards

Keiner schrieb so treffend über das Münchnerische Daseinsgefühl, wie Sigi Sommer, der heuer 100 Jahre alt geworden wäre

Wenn er mit seinen Turnschuhen und seinem faltigen Indianerhäuptling-Gesicht durch München stromerte, erkannte ihn jeder. Insofern besaß Sigi Sommer, der am 23. August 100 geworden wäre, ganz buchstäblich das, was heute „street credibility“ heißt – ein Wort, das er selbst bestimmt mit sanft beißendem Spott bedacht hätte.
Als quasi inoffizieller Stadtschreiber hat Sigi Sommer über Jahrzehnte (1948 bis 1986) das Leben in seiner Heimatstadt München begleitet. Er hat die großen und vor allem die kleinen Ereignisse betrachtet, festgehalten, kommentiert – mal freundlich, mal schmallippig, mal handfest, oft mit feinem Sprachwitz und Hintersinn. In seinen regelmäßigen Kolumnen als „Blasius der Spaziergänger“ in der AZ wie der SZ reflektierte er, was ihm bei seinen Streifzügen durch die Straßen aufgefallen war. Entstanden sind dabei Feuilletons im klassischen Sinn: Impressionistische Skizzen, die im Grenzbereich zwischen Literatur und Journalismus siedeln. Und in denen Sigi Sommer die Koordinaten der lokalen Identität mit abgesteckt hat.

Leise Provinzialität

Dass er dabei nicht ohne Klischees auskam, ist eigentlich selbstverständlich, gleichwohl war es kein auftrumpfendes Mir-san-mir, was er propagierte. Die leise Provinzialität, der Zug von Verklärung und fundamentalem Einverständnis, die bei aller natürlichen Renitenz in seinen Texten stets mitschwangen, gehören fast notwendig dazu – weil sich gerade in ihnen die Münchner Mischung, eine Art städtische „Volkstümlichkeit“ unmittelbarer manifestiert, als in der Beschreibung selbst.
Als Typus war Sigi Sommer, dem immer etwas vom melancholischen Vorstadt-Stenz anhaftete, auch ein Vorfahre des Monaco Franze. Als Poet des Boulevards hingegen war er ein entfernter Nachfahre des Pariser Flaneurs wie auch des Wiener Kaffeehausliteraten. Aber er war es auf eine spezifisch Münchnerische, also rustikalere, kleinbürgerlichere Weise. In den Texten des gebürtigen Sendlingers pulst nicht die Nervosität der Metropolen, sondern die aufgerauhte Beschaulichkeit des sogenannten Millionendorfes.
Und doch darf der Hauch von Spitzweg-Idylle, von harmloser Überschaubarkeit nicht darüber hinwegtäuschen, dass dem Spaziergänger Blasius, diesem urbanen Taugenichts, zart-versonnenen Grantler und bodenständigen Hans-guck-in-die-Luft, immer wieder Miniaturen von funkelnder Präzision gelangen: Den staubtrockenen Zauber der Alltäglichkeit, die Flüchtigkeit des Banalen, das Milieu der kleinen Leute, dem der gelernte Elektriker selbst entstammte – all das bannte er in Sprach-Polaroids, aus denen gelegentlich der sanfte Irrwitz der Existenz herausblitzt.
Auch wenn manches beim Wiederlesen leicht angestaubt und zeitgebunden wirkt – die Attitüde dieser Kolumnen, der genius loci, der sich in ihnen bekundet, wirken mehr denn je als historische Dokumente für das Münchnerische Daseinsgefühl (und dessen Wandel) in den Jahrzehnten zwischen Krieg und Mauerfall. Geschrieben für den Moment, ist in Sigi Sommers Glossen wie nebenbei etwas aufbewahrt: eine Stimmung, eine geistige Geruchsprobe sozusagen, an der man nur schnuppern muss, um zu erfahren, was und wie München einmal war im Biedermeier des Kalten Krieges.
Da kann einen manchmal schon sanfte Wehmut anrühren. Insofern trifft auch der Titel seines bedeutendsten Werkes auf Sigi Sommer selbst nicht zu: Und keiner weint mir nach heißt der Roman von 1953, der illusionslos die Härte des Kleine-Leute-Daseins in der Münchner Vorstadt schildert. In viele Sprachen übersetzt, brachte das Buch (das Joseph Vilsmaier 1996 verfilmte) seinem Autor für einige Zeit internationalen Ruhm ein. Und Brecht, darauf wird gerne hingewiesen, nannte es „den besten Roman, der nach dem Krieg in Deutschland geschrieben wurde“.

Der Turnschuhläufer

Sie sind also in guter Gesellschaft, all diejenigen, die Sigi Sommer nachweinen, 18 Jahre nach seinem Tod. Aber in gewisser Weise weilt er ja immer noch mitten unter uns. „In effigie“ nämlich: Eine lebensgroße Bronzefigur an der Münchner Rosenstraße, die 1998 aufgestellt wurde, zeigt ihn, umwuselt von Passanten, bei seiner Hauptbeschäftigung, dem Durch-die-Stadt-Streifen. Natürlich in Turnschuhen. (Alexander Altmann)

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