Kultur

Paraderolle für einen Komödianten: Pius Maria Cüppers als Frau Spuckspecht in Michael Frayns Slapstickiade "Der nackte Wahnsinn" am Staatstheater Nürnberg. (Foto: Marion Bührle)

21.12.2015

Sau raus lassen

"Der nackte Wahnsinn" ist eine Steilvorlage für die Komödianten im Nürnberger Staatsschauspiel - der Inszenierung geht aber die Luft aus

Wenn der Klamauk und die Kalauer Kapriolen schlagen, auf der Bühne der nackte Wahnsinn ausbricht und das Publikum tobt, dann feiert der in diesem Falle ganz und gar nicht feinsinnige englische Humor Triumphe. Das Staatstheater Nürnberg holt die Slapstickiade "Der nackte Wahnsinn" aus der Mottenkiste, in der sie der englische Komödienschreiber Michael Frayn 1982, damals taufrisch, eingelagert hatte. Die Regisseurin Petra Luise Meyer versucht die angestaubte Farce im Schauspielhaus wieder zu beleben - was nur streckenweise gelingt.

Dabei ist das Thema eigentlich ein kaum tot zu kriegender Bühnen-Knüller, denn "Theater auf dem Theater" zieht immer. Wenn Schauspieler Schauspieler spielen, die gerade schauspielen und sich dabei in die Karten schauen lassen, dann gibt dieser Blick hinter die Kulissen den leibhaftigen Nürnberger Schauspielern die Gelegenheit, so mal richtig die Sau raus zu lassen. Was sich die geborenen Komödianten im Ensemble des Schauspielhauses Nürnberg nicht zweimal sagen lassen.

Beifall auf offener Bühne

Allen voran Pius Maria Cüppers, der in der Paraderolle der Frau Spuckspecht (wahlweise auch Schluckspecht oder Spukschlecht tituliert) zu so großer Form aufläuft, dass er Beifall auf offener Szene einheimsen kann. Kein Wunder, denn eigentlich ist er ja der Schauspieler Dirk Oberender in einer Frauenrolle bei einer Tingeltangel-Truppe, die übers Land zieht und die Komödie "Nackte Tatsachen" spielt, bis sie ihr nach der 259sten Vorstellung buchstäblich zum Hals heraushängt. Aber das ist man schon im dritten Akt, wo nichts mehr klappt und selbst die mittlerweile zerschlissenen Kulissen schlapp machen, von denen im ersten Akt noch die frische Farbe tropfte.

Wenn nichts klappt

Dieser, der erste Akt, gerät in der Nürnberger Inszenierung zum eigentlichen Höhepunkt, denn da macht die aberwitzige Komödie den Zuschauer zum Zeugen der Hauptprobe, bei der nichts klappt: Wenn die Schauspieler ihren Text noch nicht können und manchmal auch noch gar nicht richtig kennen, und die Souffleuse, manchmal auch die genervten Kollegen dem vergesslichen Mitspieler textlich auf die Sprünge helfen, sind das Steilvorlagen für Marco Steeger und Josephine Köhler als sex-hungriges Liebespaar, dem vertrottelten wie versoffenen Sebastian (Frank Damerius) lautstark in die gerade zu spielende Szene zurück zu holen.

Das gelingt Stefan Lorch in der Rolle des Regisseurs der Truppe nicht immer, weil Michael Hochstrasser als mediterraner Macho, der aussieht wie ein Alt-Rocker, noch an seiner Rolle feilt und sie ständig hinterfragt. Neben ihm als nuttig aufgeschäumtes blondes Dummchen Adeline Schebesch, die gebückt auf der Suche nach der verlorenen Augenlinsenhaftschale viel Po zeigt, den die zumeist dreiviertelnackte Josephine Köhler im String-Tanga sowieso nicht versteckt.

Lauter verpasste Auftritte

Im treppenreichen und türenschlagenden Bühnenbild  (Stefan Brandtmayr) häufen sich die verpassten Auftritte und die verpatzten Abgänge, die Requisiten fallen aus oder sind nicht aufzufinden, wie etwa die als Running Gag immer wieder eingestreuten Sardinen, auf denen fast alle Mitwirkenden höchst routiniert immer wieder ausrutschen.

Der zweite Akt - die Truppe ist bei der 38., aber immer noch chaotischen Aufführung angelangt - spielt hinter den Kulissen und zeigt die um 90 Grad gedrehte Bühne als Theater von hinten. Aber da hängt die Inszenierung schon gewaltig durch, was auch  - die Bühnentechnik zieht alle Register - Nebelschwaden, Licht-Blitze und Theater-Donner nicht ändern können. Die theatralen Turbulenzen entweichen als theatrale Flatulenzen - der Inszenierung geht buchstäblich die Luft aus. Was aber frenetischen Beifall nicht verhindert. (Fridrich J. Bröder)

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