Kultur

03.12.2010

"Schlimmste Bedingungen aller bayerischen Bühnen"

Rechnungshof schlägt beim Theater Augsburg Alarm

„Wir bieten Theater mit fließendem Wasser“, witzelt die Augsburger Theaterintendantin Juliane Vottler gelegentlich. Ernsthafter hat dazu der Oberste Rechnungshof festgestellt, dass das Theater Augsburg die „gegenwärtig problematischsten Produktionsbedingungen“ in Bayern hat.
Inzwischen ist es für die Fugger-Stadt jeden Sommer ein so genannter Zwischen-Sanierungsfall wegen Regen und vielfachem, tiefgehendem Schimmel- beziehungsweise Salpeterbefall. Es fehlen moderne Verbundglasfenster. In den Werkstatträumen fallen Farbe und Putz von den Wänden. Vor Kurzem ist eine Zugstange aus dem Bühnenturm auf die Bühne gestürzt – der bisher „gefährlichste Warnschuss“ laut Votteler.
Ähnlich abenteuerlich waren die Zustände in der Komödie, die 1945 „als Übergangslösung“ im Erdgeschoss eines Rokoko-Hauses untergebracht wurde. Klaviermusik klang aus dem Obergeschoss in ein Irak-Drama, der Schleudergang einer Waschmaschine bereicherte Oscar Wilde um ein Erdbeben. Es gibt nur eine Toilette fürs gesamte Personal, ebenso zu niedrige Zugänge. Hinzu kommen abfallende Mauerstücke und offen liegende Leitungen. Das Foyer war zugleich Feuerwehrzugang und Rettungsweg.
Für das Theater als Ganzes bedeutet dies: Zusatzkosten durch produktions- und inszenierungstechnische Behinderungen, Licht-, Ton- und Videotechnik hängen Jahrzehnte zurück. Benachbarte Lagerräume für Bühnenbilder wie Fundus fehlen, sie müssen entlegen und kostenintensiv angemietet werden. Im Mai 2010 musste die Kongresshalle als Sanierungsfall geschlossen werden. Im letzten Sommer war ein Darsteller durch die maroden Bühnenbohlen der Freilichtbühne am Roten Tor gebrochen, auch dort besteht grundlegender Sanierungsbedarf.
Die Stadt hatte inzwischen eine so genannte Grundlagenermittlung beim theatererfahrenen Architekten Jörg Friedrich, dem Münchner Haustechnikbüro Scholze und dem Bayreuther Bühnenplanungsbüro Kottke in Auftrag gegeben. Geplant sind eine Interimsspielstätte auf dem internen Theaterparkplatz, ein Werkstättenneubau auf Bühnenniveau, ein Schauspiel- und Verwaltungsneubau – alles auf dem maroden Areal hinter dem Großen Haus. Später folgt dann der Umbau der Freilichtbühne; alles bis zirka 2015 und für insgesamt 100 Millionen Euro.
Die Stadt Augsburg sieht sich nicht in der Lage, die Summe aufzubringen, während der Bezirk Schwaben und das Land Bayern als Zuschussgeber zögern. Intendantin Votteler hat inzwischen bis 2017 verlängert, doch an ihren Vertrag wurde – erstmals in der Stadtgeschichte – eine „Zielvereinbarung“ angehängt: Erhalt des Dreispartenhauses, schnellstmögliche Errichtung des „Schauspiel-Containers“ neben dem Haupthaus; weitere Sanierungsmaßnahmen parallel zur Errichtung des Schauspielneubaues.
Inzwischen haben Theater und Stadtverwaltung in der modernen Stadthalle der Randgemeinde Gersthofen einen schönen Konzertsaal gefunden: gute Akustik und Sicht, eine Buslinie vor und nach dem Konzert mit der Eintrittskarte als Billett, ebenso gute Gastronomie. Das Schauspiel, das Ballett und das Kindertheater hoffen, 2011 im modernen Kubus loslegen zu können. Bis dahin wird es weiter Produktionen im neuen Textilmuseum und im leerstehenden Fabrikgelände Diering geben. Doch die Hauptbaustellen bleiben, verbunden mit einem Defizit. Das wurde verursacht durch die Zuschuss-Kürzung des Freistaates um 350 000 Euro, die 400 000 Euro teure Altersteilzeitregelung und die Tariferhöhung für 250 000 Euro.
„Augsburg leuchtet. Das Theater strahlt“, gab Juliane Votteler als Motto für die abgelaufene Spielzeit aus. Für diese Spielzeit signalisiert sie mit Lucia, Aida, Eurydike, Isolde und einer theatralischen „Abseitsfalle“ zur Frauenfußball-WM 2011: „Es geht noch heller!“ (Wolf-Dieter Peter)

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