Kultur

Wladimir (Werner Galas, links) und Estragon (Horst Schily, rechts) vertreiben sich die Zeit mit dem blinden Pozzo (Hermann Große-Berg). (Foto: Quast)

20.01.2012

Schnörkellos und Mystik-frei

Intendantin Katja Ott inszeniert am Theater Erlangen Samuel Becketts „Warten auf Godot“

Die Legende will es so – und verlegt die Entstehung von Warten auf Godot nach Franken: Samuel Beckett (1906 bis 1989), in den Jahren 1936 und 1937 längere Zeit in Nürnberg verweilend, wartete (vergebens) auf die Fertigstellung eines Maßanzugs, den er bei einem Bamberger Schneider in Auftrag gegeben hatte und den er – alles andere als maßvoll – erst nach Monaten in München erhielt. Ganz ohne Anspielung auf diese fränkischen Bezüge stellte jetzt das Theater Erlangen dieses wohl bekannteste Drama des „absurden Theaters“ (1953 uraufgeführt) in einer beachtlichen Inszenierung von Intendantin Katja Ott auf die Bühne – und heimste verdienten Beifall ein.


Existenzielle Allgemeinplätze


Der verdankt sich vor allem der schauspielerischen Leistung der beiden älteren Schauspieler Horst Schily und Werner Galas, die mit seignoraler Souveränität das Hauptdarstellerpaar Estragon und Waldimir als zwei alte, routiniert auf einander eingespielte Zausel spielen. Auf der kahlen, von Straßenlaternen in ein trostloses Licht getauchten Bühne des in seiner barocken Vergilbtheit bestens dafür geeigneten Markgrafentheaters (Bühnenbild Ulrike Schlemm) warten sie vergebens auf einen gewissen Godot, der nie kommt und eine Chimäre, ein Phantom bleibt. Und offenbaren mit ihrem Spiel, vor allem aber mit ihrer ausgefeilten, nuancenreichen Sprache die tiefere Weisheit existentieller Allgemeinplätze: das Leben als eine endlose Warteschleife, aus der nicht einmal der Tod erlöst: Sollen wir uns aufhängen? , fragen sich Wladimir und Estragon, und retten sich in die nicht minder deprimierende Antwort: Geht nicht, wir warten ja auf Gotot.
Die kafkaeske Parabel treiben der auftauchende Pozzo (Hermann Große-Berg) und sein hündischer, paradoxerweise Lucky (Glück) genannter Knecht (Robert Naumann) auf die Spitze, aktionistisches Intermezzo in der ansonsten hoffnungslos verlorenen Situation Heideggerscher Seins-Geworfenheit, die den Sinn des Lebens in seiner Sinnlosigkeit sucht, aber nicht findet. Katja Otts fast schnörkellose Inszenierung belastet Becketts „So-Seins“-Drama weder durch überbordenden Symbolik, noch mit philosophisch raunender Mystik, hält das Spiel des Lebens in der Schwebe, über dem auch eine absurde Sentenz des wohl bedeutendsten Erlanger Dichters Ernst Penzoldt aus seinem Roman „Die Powenzbande“ stehen könnte: „Das Leben ist herrlich, fürwahr; die Existenz aber ist fürchterlich!“ (Friedrich J. Bröder)

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