Kultur

Außer einer Auswahl bedeutender Koranausgaben sind in der Ausstellung auch orientalische Handschriften zu sehen, die sich mit nicht-theologischen Themen befassen. So auch diese Sammlung alchemistischer Texte aus dem Jahr 1796. Der Band ist ein Geschenk der Unibibliothek Bamberg an die Bayerische Staatsbibliothek. (Foto: BSB)

12.11.2010

Schwelgerische Arabesken

Die Bayerische Staatsbibliothek zeigt Schätze aus ihrer Orient- und Asienabteilung

Dass Handschriften aus dem Orient und aus Asien zum besonders reizvollen Gebiet renaissancezeitlichen Sammlereifers avancierten, hat sicher zwei wesentliche Gründe: Zum einen machten sich die Schriften mit ihrer sorgfältigen Kalligrafie, den filigranen Arabesken und Bildern fremder Kulturen als exotische Schmuckstücke besonders gut in einer repräsentativen Wunderkammer oder Bibliothek. Neben ihrem ästhetischen Reiz waren diese Schriften der wissenschaftlichen Neugier im Zeichen des Humanismus optimale Quellen, um das Andere aus erster Hand zu studieren. Und es gab dazu auch einen zeitgeschichtlich hochbrisanten Anlass: 1453 eroberten die Osmanen die alte byzantinische Hochburg Konstantinopel. Der Orient rückte bedrohlich näher.
Eine der bedeutenden Forscherpersönlichkeiten des 16. Jahrhunderts war Johann Albrecht Widmanstetter (1506 bis 1557) – er gilt als Mitbegründer der abendländischen Orientalistik. Seine Gelehrtenbibliothek umfasste zwischen 1100 und 1500 Bände, obendrein etwa 200 orientalische Manuskripte, wovon 50 aus dem islamischen Kulturkreis stammen. Dieses Konvolut kaufte ein Jahr nach Widmanstetters Tod Albrecht V. – für den gleichermaßen streng katholischen wie äußerst kunstsinnigen und darin auch luxusliebenden Bayernherzog bildete der Ankauf den zentralen Grundstock für seine neugegründete Hofbibliothek, die heutige Bayerische Staatsbibliothek (BSB).

Gezielter Ankauf

Dort sind in den vergangenen über 450 Jahren die Bestände auf heute fast 10 Millionen Bände angewachsen – und auch die Abteilung mit Orientalischem und Asiatischem hat zugelegt: Die Zahl der Handschriften stieg auf heute 17 000, 4200 davon sind islamisch. Es ist eine der namhaftesten Sammlungen Europas auf diesem Gebiet.
Das wurde sie nicht nur durch eher zufällig erlangte Beutestücke aus den Türkenkriegen oder durch die Übernahme von säkularisiertem Klostergut (in einigen Klöstern wie etwa Tegernsee und Polling hatte man sich intensiv mit nicht-christlichen Religionen auseinandergesetzt), sondern auch durch gezielten Ankauf: Im 1571 erworbenen Fugger-Nachlass waren viele Orientalia; ein Riesencoup gelang zum 300-jährigen Bestehen der damaligen Noch-Hofbibliothek anno 1858 (es war die Zeit, als an den Universitäten orientalische Lehrstühle entstanden), als man sich die Bibliothek des französischen Orientalisten Ètienne-Marc Quatremère (1782 bis 1857) leistete. Auf einen Schwung kamen 30 000 Drucke und 1500 Handschriften in die Bibliothek – ein Großteil davon vermehrte die orientalischen Bestände; zum Vergleich: Der durchschnittliche Jahreszugang der Bibliothek betrug damals etwa 3000 Titel.

Derart ausgestattet, konnte die Bibliothek 1910, als auf der Münchner Theresienhöhe die spektakuläre Ausstellung Meisterwerke muhammedanischer Kunst gezeigt wurde, aus dem Vollen schöpfen und präsentierte im Fürstensaal ihres eigenen Domizils an der Ludwigstraße erstmals einen Querschnitt ihrer orientalischen Manuskripte.
Diese Exponate sind heute an gleicher Stelle erneut zu sehen: Die BSB beteiligt sich an dem Projekt vieler Münchner Institutionen, die an die große Kunstausstellung von vor 100 Jahren erinnern. Im Fürstensaal zitieren die Exponate die historische Ausstellung, in der Schatzkammer nebenan zeigt die BSB herausragende Ankäufe seit 1910.
Wer die Ausstellung besucht, mag sich auch heute tatsächlich wie in einer Wunderkammer vorkommen: Sprachlich versierte Orientalisten werden vielleicht die aufgeschlagenen Textstellen entziffern – anderen Besuchern erschließen sich die Inhalte der Handschriften durch die Begleittexte und vor allem den hervorragenden Ausstellungskatalog.
Aber der Inhalte ungeachtet, kommt die Freude am aufregend schönen Schein exquisiter Handschriftenkunst voll auf ihre Kosten.
Freilich, die älteste datierte arabische Handschrift in der BSB (aus dem Widmanstetter-Ankauf) mit ihrer nüchternen Textur in schwarzer Tinte mag einem weniger als Schmuckstück erscheinen – sie war einst wohl auch „nur“ Arbeitsmaterial: Es ist ein im Jahr 1079 ins Arabische übersetzter Kommentar des Galen zu einem Werk seines griechischen Kollegen Hippokrates. Zwar begleiten auch die Textseiten im Buch der Lieder von 1216 keine Illustrationen – aber mit welch wenigen Kniffen hat die Hand des Schreibers ein „Schriftbild“ geschaffen: Zweierlei Schriftarten in unterschiedlichen Größen und Laufweiten, Einrückungen und Worthervorhebungen zwischen den Absätzen in Gold rhythmisieren die Zusammenstellung arabischer Dichtung.
Und dann Die Wunder der Schöpfung! Der Himmel mit seinen Planeten, Sternbildern und Engeln, die Erde mit Bergen, Meeren, Tieren, Pflanzen und allerlei seltsamen Wesen: Über 400 Miniaturen und Zeichnungen zeugen von den „Merkwürdigkeiten der existenten Dinge“, wie der Untertitel des Werkes verrät, das nach seinem Schreiber als Kosmographie des Qazwini (1280) bekannt ist.

Bebilderte Rarität

Dass in arabischen Handschriften Bildgeschichten den Text veranschaulichen, ist eher seltener der Fall. Dass aber ein solcherart einprägsam gestaltetes „sprechendes“ Werk wohl schon zu seiner Entstehungszeit gerade deshalb oft studiert wurde, davon mögen vielleicht die vielen Gebrauchsspuren an der orientalischen Fabelsammlung Kalila wa-Dimna (1310/1350) zeugen. In kräftigen Farben gemalt, begegnet man geradezu rührend dargestellten Tieren, kann sich zu einer Szene, in der Männer einen Schatz bergen, gleich ein ganzes Abenteuer ausmalen.

Wie Perserteppiche

Regelrecht kapriziös sind Miniaturen im Königsbuch (1550/1600), das als Nationalepos der persischsprachigen Welt gilt. Eine Doppelzierseite zeigt eine festliche Thronbesteigung mit Tänzerin und Musikanten. Mit feinstem Pinselstrich sind die Hofgesellschaft, ihre Gesichter und die kostbaren Stoffe ihrer Gewänder gemalt; dezentes kleinteiliges Muster strukturiert Flächen von Böden, Wänden und Mobiliar – im Rankwerk um das eigentliche Bild scheint die Ornamentik regelrecht zu explodieren.
Gerade theologische Schriften wie etwa die iranische Wegzehrung für das Jenseits (1820) oder die vielen Koranausgaben machen das Bilderverbot wett durch aufwändige, farblich raffinierte und spannend komponierte Arabesken: Schwelgerische Kleinteiligkeit wird von übergeordneten größeren Mustern gezügelt.
Dieses optische Brodeln schürt das haptische Verlangen, lässt die Fingerspitzen zucken – gut, dass Vitrinenscheiben die Handschriften schützen: Wie gerne würde man einmal über diese Seiten streichen, die an edle Perserteppiche denken lassen.
Indes, in vielen dieser wunderbaren Handschriften kann man tatsächlich blättern, nämlich am Bildschirm. Gut 40 Prozent der Exponate sind digitalisiert und online studierbar. Im Kataloganhang sind sie aufgelistet. (Karin Dütsch)

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