Kultur

Auch wenn manche Parodie ins Leere läuft – die junge Sängerriege überzeugt: Martin Platz als Orpheus und Leah Gordon als Eurydike (rechts), im Hintergrund Statisterie. (Foto: Ludwig Olah)

16.11.2012

Slapstick weckt Spiellaune

Ein Orpheus für alle Fälle: Die Nürnberger Inszenierung soll auch in der Schweiz und in Frankreich funktionieren

Faschingsbeginn – und Nürnberg hat noch kein Prinzenpaar. Aber wenigstens eine Faschingspremiere mit Silvestertauglichkeit. Einen Prinzen wird man hinter der Plattenbau-Einheitsfenster-Fassade auch vergebens suchen, dafür hat Laura Scozzi jede Menge Fez dahinter versteckt. Am Staatstheater Nürnberg ist sie die Spezialistin für übervolle Gag-Kisten, schickt die Zauberflöten-Knaben per Skilift ins Sarastro-Gebirge oder die unbekannte Reims-Reise von Rossini auf den Weg zum Publikumsrenner. Ob ihr das auch mit der Neuinszenierung von Jacques Offenbachs Orpheus in der Unterwelt gelungen ist? Bravi und Buhs jedenfalls hielten sich am Ende die Waage.
Eingedenk des vielen Operettenpechs vergangener Jahre hat man sich für den historisch korrekten Gattungsbegriff „opéra-bouffon“ entschieden. Bei Laura Scozzi und ihrer Bühnenbildnerin Juliette Blondelle lässt sich das alles sehr französisch und vielversprechend an, wenn die Fassade hoch geht: Frühsport, Morgenkater oder Schäferhund, zwei Quickies über Kreuz, darunter Friseursalon und das Sozialamt mit der in jeder Beziehung freigiebigen Beamtin. Auch im Parkett sieht man was: Gisela Schlüter selig im Chanel-Kostümchen als öffentliche Meinung.
Ulk mit doppeltem Boden, auf den Kopf gestellte Mythologie, vermenschlichte Götter in aller Lächerlichkeit, Travestie, Parodie: Das hat 1858 und dann mit der zweiten Fassung 1874 funktioniert und Offenbach einen Riesenerfolg eingetragen – neu, frisch, voller Witz und mit Wurzeln in der Kölner Karnevalsposse und dem französischen Vaudeville, später immer mehr als Cocktail von Oper und Kabarett. Aber jetzt scheint das alles nur noch mit Mühe zu funktionieren, besonders wenn man eine Fassung herstellen muss, die in Bern, Nürnberg, Marseille und Bordeaux funktionieren soll. Wo man in Frankreich sicher über einen pinkelnden Styx mit Hitlerbärtchen und -tolle lachen kann, hat der Nürnberger seine Skrupel, wo junges Publikum über den Altersheim-Olymp lacht, machen die deutschen Abonnenten böse Mienen. Und wer kennt sie überhaupt noch, die mythologisch verästelten Anspielungen?
Die Parodie läuft oft ins Leere und übrig bleibt der Running gag. Der bringt ohne Zweifel Tempo in Scozzis Oberwelt-Mietshaus und Unterwelts-Tiefgarage, und wenn der göttliche Olymp mit Rollator langweilt, wartet der Himmel mit Flugverkehr von Lufthansa bis Batman auf. Oder mit Interessenten, die die griechische Billig-Immobilie „Götterberg“ inspizieren. Den Zuschlag kriegt am Ende Gottvater mit Maria und dem Jesusbuben.

Jupiter als Fliege

Man würde nicht fertig mit dem Aufzählen all der Slapstick-Action, die im Orchestergraben Gabor Kali mit der Staatsphilharmonie eher mäßig inspiriert. Die aber in den Hauptrollen prächtige junge Sänger mit viel Spiellaune hat. Allen voran die knackige, herrlich pampige Friseurin, dann Sargbewohnerin Eurydike der um keinen Witz verlegenen Leah Gordon. Oder der Schäfer Aristeus/Unterweltchef Pluto von Nürnbergs Startenor Tilman Lichdi. Ein Video-Meisterstück ist Jupiter als Fliege. Der berühmte Cancan als wacklige Michael-Jackson-Parodie kann’s mit dem historischen Vorbild nicht aufnehmen. Schade, dass sich das Staatsballett nicht der Sache annimmt.
Irgendwer wird irgendwann auf den vier Orpheus-Stationen immer lachen können – aber so ist die teure Opernwelt heute: Den Pariser Weihnachtsabend von La Bohème in Salzburg muss man auch am Grand Theatre in Shanghai verstehen (besonders die Gucci-Tüten) und den Griechenland-Pleite-Witz auch in Bordeaux: Was ist wo geistreich, witzig, charmant?
(Uwe Mitsching)

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