Kultur

Joyce DiDonato absolviert als Semiramide ein starkes Rollendebüt. Ihr zur Seite Daniela Barcellona als Arsace. (Foto: Wilfried Hösl)

17.02.2017

Tiefgefrorener Steinzeit-Kommunismus

David Aldens Inszenierung von Rossinis "Semiramide" am Münchner Nationaltheater zeigt zu wenig Bühnenarbeit

Ein nachhaltiger Erfolg war dem Werk an der Isar nicht beschieden. Zwar wurde schon 1824, ein Jahr nach der Uraufführung, in München die deutsche Erstaufführung von Gioachino Rossinis Oper Semiramide ge-stemmt – aber vor über 150 Jahren verschwand der Zweiakter ganz vom Spielplan. Umso größer sollte die jetzige Neuproduktion gefeiert werden, wofür man an der Bayerischen Staatsoper etwas Besonderes ausgeklügelt hat.

Mit David Alden wurde ein Regisseur verpflichtet, der unter Peter Jonas häufiger am Nationaltheater inszeniert hatte. Leider konnte Aldens Comeback der Wiederbelebung von Rossinis Oper nicht viel helfen. Szenisch ging diese Neuinszenierung schief – obwohl Alden gute Ideen hatte.

Er katapultiert Babylon, wo dieses Werk spielt, ins totalitäre, steinzeit-kommunistische Nordkorea unserer Zeit. Das ist grundsätzlich klug, denn: Als übermächtige Vaterfigur ist der 1994 verstorbene Kim Il-sung in Nordkorea ähnlich präsent wie Nino, der tote König von Babylon (Igor Tsarkov).

Gewaltiger Stoff

Seine Frau Semiramide (Joyce DiDonato) hat ihn gemeinsam mit ihrem Geliebten Assur (Alex Esposito) vergiftet. Der verschollene Sohn Ninia kehrt als junger Feldherr Arsace zurück (Daniela Barcellona). Doch Mutter und Sohn wissen nicht voneinander. Semiramide liebt Arsace und möchte ihn zum Thronfolger ernennen. Der aber liebt die Prinzessin Azema (Elsa Benoit), in die sich jedoch auch Assur verguckt hat. Überdies möchte dieser gerne König werden, was Semiramide verhindert. Noch dazu überlässt sie Azema dem indischen Prinzen Idreno (Lawrence Brownlee). Als der Oberpriester Oroe (Simone Alberghini) dem jungen Arsace dessen wahre Identität verrät, möchte dieser den Vater rächen – kann aber seine Mutter nicht töten. Am Ende tut er es, wenn auch ungewollt.

Dieser Stoff hat Shakespeare’sches Potenzial, changiert zwischen Lady Macbeth und Hamlet, kräftig gewürzt mit einer Prise Ödipussi. Weil Alden jedoch den Nordkorea-Bezug nicht weiterdenkt, bleibt die aktuelle Brisanz dekorativer Selbstzweck.

Über weite Strecken stehen die Solisten zudem an der Rampe oder in szenischer Leere herum. Das schenkt dem Gesang zwar viel Raum zur Entfaltung, ist aber als Bühnenarbeit zu wenig.

Die musikalischen Leistungen retten diese Produktion, allen voran die überragende Sänger-Darstellerin Joyce DiDonato. Rossinis Ziergesang nimmt sie ganz ohne grell-scharfe Virtuosität, um stattdessen eine verdüsterte Tiefe hörbar zu machen. In den Rezitativen vollzieht sich eine originäre Geburt aus dem Geist der Tragödie, mit einnehmender Bühnenpräsenz: ein starkes Rollendebüt.

Zugleich ergänzt Barcellonas Arsace im Timbre den Mezzosopran von DiDonato sinnstiftend, wenn auch ohne dieselbe stimmliche Agilität. Präsent und sonor ist Espositos Assur, wohingegen Brownlees Tenor zwar hell, aber bisweilen etwas brüchig wirkt. Michele Mariotti zelebriert mit dem Bayerischen Staatsorchester weder eine romantisierende Getragenheit, noch schärft er hyperaktiv die Effekte. Das Ergebnis wirkt ähnlich diffus und profillos wie die Regie. Mit dem wunderbaren Chor wusste Alden leider genauso wenig anzufangen wie mit dem Stoff. (Marco Frei)

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Kommentare (1)

  1. p.p.wien am 17.02.2017
    Besser kann man das ganze Spektakel nicht beschreiben. So eine Regie darf ein Intendant einfach nicht zulassen. Warum ist der Dirigent die ganze Vorstellung über mit zwei Scheinwerfern beleuchtet während man von den Sängern über weite Strecken das Gesicht nicht sieht weil sie im Dunkeln stehen!?

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