Kultur

Der Erwerb des Merkur von Hubert Gerhard vor zwei Jahren gab den Anstoß zu einer sensationellen Schau mit Meisterwerken der Bronze aus der Zeit um 1600. (Foto: Bayerisches Nationalmuseum)

20.02.2015

Tonnenschwere Sensation

Das Bayerische Nationalmuseum zeigt mit Leihgaben aus aller Welt europäische Bronzekunst in Süddeutschland um 1600

Was im Bayerischen Nationalmuseum unter dem schlichten Titel Bella Figura daherkommt, ist die sensationelle Zusammenschau von Meisterbronzen. Aus der ganzen Welt, aus Florenz ebenso wie aus der Sammlung der Königin von England und aus den großen amerikanischen Museen, reisten die zum Teil tonnenschweren Figuren an, um erneut zu beweisen: Zwischen 1570 und 1620 waren Augsburg und München internationale Zentren der Bronzekunst.
Erst vor zwei Jahren ist die Idee zu dieser Schau spontan entstanden: Damals wäre der Merkur von Hubert Gerhard, der seit Langem als Leihgabe im Bayerischen Nationalmuseum stand, beinahe verloren gegangen: Die Eigentümer wollten ihn verkaufen; erst in letzter Minute konnte er dank der Ernst von Siemens-Kunststiftung angekauft werden. Die Lust war geweckt: Man betrachtete die eigenen – nicht unerheblichen – Bestände an Bronzen genauer, verglich sie mit anderen, konnte sogar einige als verschollen geltende Arbeiten in Privatsammlungen ausfindig machen.
In unglaublicher Großzügigkeit bekamen die Kuratoren nun für ihre Ausstellung Leihgaben – eine solch hochkarätige, internationale Sammlung von Renaissance-Bronzen wird so schnell nicht wieder zusammenkommen.

Adliger Auftraggeber

Giambologna, Adriaen de Vries und Hubert Gerhard, beide gebürtige Niederländer und in Italien geschult, sind die Hauptvertreter jener Bronze-Kunst. Auftraggeber in Süddeutschland waren in erster Linie die Fugger in Augsburg und die Wittelsbacher in München. Und alle Künstler beeinflussten sich gegenseitig, was das Nebeneinander verschiedener Ausführungen ein und desselben Sujets deutlich macht. Eines der Hauptthemen der manieristischen Bronzekunst ist der menschliche Akt.
Den Auftakt der Präsentation macht Merkur. Begrüßt wird der Besucher jedoch nicht durch den Münchner Merkur, sondern durch den Medici-Merkur von Giambologna (1580), dem Hofbildhauer der Medici; diese Bronzefigur steht nach einem Aufenthalt in der Villa Medici in Rom wieder in Florenz. In München nun steht er auf seinem originalen Marmorsockel und ist umgeben von rund zehn anderen Merkur-Jünglingen, die mehr oder weniger in fliegender Eile über die Wolken rasen, an Helm und Schuhen beflügelt sind und den Caduceus, den charakteristischen Stab in der Hand halten.
Der für München gerettete Merkur ist nur gut ein Jahrzehnt jünger als der Florentiner, etwas kleiner und von Hubert Gerhard nicht für einen Kardinal geschaffen, sondern für einen Augsburger Handelsherrn. Ebenfalls für Augsburg, für den großen Merkurbrunnen in der Maximilianstraße, wurde von Adriaen de Vries, ebenfalls noch kurz vor 1600 eine Gruppe realisiert. Hier kniet Amor zu Füßen des Götterboten und macht sich an den Flügel-Sandalen zu schaffen: Will er damit Merkur am Wegfliegen hindern? Oder geht er ihm nur beim Anziehen zur Hand?

Unvollendetes Grabmal

Die Ausstellung zeigt auch andere Figuren der antiken Mythologie, die in der Renaissance beliebtes Themenreservoir war. Man sieht aber auch sakrale Objekte, allen voran Teile des monumentalen Grabmals, das für den bayerischen Herzog Wilhelm V. für die neu errichtete Michaelskirche in München geplant war. Aus Kostengründen wurde es niemals vollendet, woraufhin die bereits fertiggestellten Einzelteile über München verstreut wurden. Das überlebensgroße Kruzifix (von Giambologna) und die büßende Magdalena (von Hubert Gerhard) fanden aus der Michaelskirche vorübergehend den Weg in die Ausstellung.
Die ebenfalls dazu gehörenden Löwen verblieben jedoch auf ihren Sockeln vor der Residenz (beziehungsweise die Originale werden gerade restauriert) und die geplante Krönung des Grabmonuments, die Patrona Bavariae, wacht heute auf ihrer Säule über den Marienplatz. Dazu kommen in der Ausstellung noch allegorische Garten- und Brunnenfiguren sowie Porträtbüsten.
In den Ausstellungsrundgang mit einbezogen ist die monumentale Kirchheimer Brunnengruppe Mars, Venus und Amor, die Hubert Gerhard 1590 für die Fugger geschaffen hatte und die im 19. Jahrhundert beinahe den Weg in den Schmelzofen erlitten hätte, wenn sie nicht König Max II. in letzter Minute für das von ihm geplante Bayerische Nationalmuseum erworben hätte.
Insgesamt sind in der Ausstellung rund 80 Meisterbronzen neben ergänzenden Zeichnungen und Druckgrafiken sowie einer Dokumentation, wie eine Bronze entsteht, zu sehen. (Cornelia Oelwein)

Bis 25. Mai. Bayerisches Nationalmuseum, Prinzregentenstraße 3, 80538 München. Di. bis So. 10 – 17 Uhr, Do. 10 – 20 Uhr.
www.bayerisches-nationalmuseum.de

Abbildungen (Fotos: Bayerisches Nationalmuseum):

Jagdhund von Hubert Gerhard.
Nessus und Deianeira von Giambologna.

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