Kultur

Konversationstheater vom Feinsten: Andine Pfrepper (Charlotte), Gunnar Blume (Heiko), Franziska Sörensen (Ella), Gerhard Hermann (Holm) und Michael Haake (Adrian). (Foto: Quast)

24.11.2017

Tragikomisches letztes Abendmahl

Nicolai Sykosch und dem Regensburger Schauspielensemble gelingt eine großartige Bühnenversion von Magnus Vattrodts Roman „Ein großer Aufbruch“

Gutes Theater bewirkt so etwas: Dass sich das Gefühl entwickelt, hier werde ein Thema, ein Stoff, ein Inhalt auf eine Weise serviert, die nicht unbedingt erwartbar war, aber genau deshalb mitten ins Ziel trifft. Ein großer Aufbruch von Magnus Vattrodt nach seinem gleichnamigen, preisgekrönten Fernsehfilm ist in seiner Uraufführung am Stadttheater Regensburg so ein gutes Theater. Ein Mann namens Holm versammelt alle seine Liebsten um sich. Das befreundete Ehepaar Katharina und Adrian, seine beiden Töchter Charlotte und Marie, deren zufällig mit herbeigewehter Freund Heiko, seine Ex-Frau Ella. Der Plan des todkranken Mannes: Er will ein letztes Abendessen zelebrieren, um sich von allen zu verabschieden – vor seinem selbstbestimmten Ende in der Schweiz. Dieser Plan geht schief. Denn der vorgesehene, irgendwie heroisch gemeinte Abschied wird so schräg, wie das Leben Holms offenbar gewesen ist. Genau daraus schöpft das Stück sein erstaunliches Maß an Witz, durchsetzt mit dicken Schlieren schwarzen Humors. Es entwickelt sich knackiges Konversationstheater, das sich um jeglichen – durchaus naheliegenden – Betroffenheitsgestus fast gar nichts und umso mehr um des Helden Vorleben schert.
So kommen alle möglichen spektakulären Lebensgeheimnisse und Beziehungsvolten ebenso ungebeten wie für die Protagonisten schwer verdaubar auf den Tisch dieses womöglich letzten Abendmahls.

Das Sterben akzeptieren

Eine Nacherzählung verbietet sich hier, weil es um jede einzelne Pointe des Textes außerordentlich schade wäre. Nur so viel: In dem Moment, in dem es intensiv um den Tod geht, geht es immer auch noch intensiver ums Leben. Genau das steht im Zentrum von Ein großer Aufbruch: Es ist ein Aufbruch ins Leben, auch wenn es gerade endet. Vattrodts Text macht das enorm geschickt, indem er die Theorien von Cicely Saunders, der Gründerin der Hospiz-Bewegung, und die fünf Phasen der Akzeptanz des Sterbens – nicht Wahrhabenwollen, Zorn, Verhandeln, Depression, Akzeptanz – als Leitemotionen in seinen Text hineinarbeitet: Auch sein Ende ist Teil des Daseins. Was über all das hinaus diesen Theaterabend so bemerkenswert macht, sind die Schauspielregie von Nicolai Sykosch und die Schauspielkunst der Darsteller. Präsenz, Präzision, Interaktion, Dynamik, permanent wechselnder Status der Figuren zueinander, Kommunikation auf Subtext-Ebene, Zuwendung, Abwendung, Senden, Empfangen: Sykosch und das von ihm erlesen feinjustierte Ensemble machen das großartig. (Christian Muggenthaler)

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