Kultur

Beeindruckende Tiefe, runde Spitzentöne: Mardi Byers als Primadonna bzw. Ariadne samt Mopperl. Foto: Missbach

09.07.2010

Üppige Schwüle

„Ariadne auf Naxos“ in der Oper am Staatstheater Nürnberg

Liebend, leidend, mordend , kokett und (meistens) konsequent: Richard Strauss war in seinen Opern viel mehr an den Frauen interessiert als an einem „selbstgefälligen Hanswurst mit einem Pantherfell“ wie Bacchus oder Apollon. Den Bacchus in Ariadne auf Naxos wünschte er sich als „seligen Knaben“ – der Komponist singt es mit Hofmannsthals Worten schon im Vorspiel. In der Nürnberger (aus Klagenfurt importierten) Neuinszenierung ist „der Knabe, das Kind, der allmächtige Gott“ ein sehr viriler Tenor in dünnem Batisthemd über der blanken Heldenbrust. Das fällt dann auch noch, wenn er auf dem Konzertflügel – der als „wüste Insel“ herhalten muss – die Primadonna ziemlich banal flachlegt. Da fangen höchstens ein paar Sternchen in Johannes Leiackers schwarz lackiertem Wiener Fin-de-siècle-Vestibül zu flimmern an.

Es schneit am Tag der Uraufführung von Ariadne auf Naxos, das große Gartenfenster ist halb zugefroren, und die Angestellten in der Wiener Villa richten das Feuerwerk mit klammen Händen schon nachmittags her. Alles ist wohlgeordnet, unaufhörlich wird geputzt, der Flügel poliert, ein Dienstmädchen führt das Mopperl der Primadonna spazieren, die Komödianten rutschen auf dem Eis im Garten aus: In Joseph Ernst Köpplingers Klagenfurter Inszenierung gibt es unendlich viel zu sehen im Vorspiel des genialen Einakters von Strauss und Hofmannsthal. Manche bewegende, ergreifende Stelle wird zerwitzelt, und man hat Mühe, sich zu konzentrieren auf die Meriten dieser trotz allem umjubelten Aufführung.

Zum Glück hat sie für den Prolog an der Seite des unverschämt jungen, aber sonor singenden Jochen Kupfer als Musiklehrer in Ezgi Kutlu einen schmalen, hohlwangigen jungen Burschen als faszinierend spontanen, leidenschaftlichen Komponisten in dünnem Mäntelchen und mit glühenden Augen – auch wegen seiner hinreißenden Stimme eine Idealbesetzung. Und sie hat in Christof Prick einen sehr Strauss-erfahrenen Dirigenten, der sich das Stück für das letzte Jahr vor seinem Abschied aus Nürnberg eigens gewünscht hatte. Prick ist auch ein Wagner-erfahrener Dirigent – vielleicht lässt er deshalb über weite Strecken hin das Philharmonische Orchester zu laut spielen. Er führt keinen kammermusikalisch aufgelichteten, sondern auch schon im Vorspiel einen üppig-schwärmerischen Richard Strauss vor, fast schwül – als hieße die Primadonna nicht Ariadne sondern Ägyptische Helena.

Das verleitet, zwingt die Sänger zum Forcieren. Mardi Byers (Primadonna/Ariadne) führt ein enorm breites Registerpanorama vor und hält hingegossen auf ihre Flügel-Insel mit profund-beeindruckender Tiefe und runden Spitzentönen durch. Heidi Elisabeth Meier ist als Zerbinetta kein Koloraturen-Zwitschervögelchen, sondern darstellerisch geschmackvoll und sängerisch bravourös, in der großen Arie aber auch an der Grenze des Möglichen.

Trotz der kurzen, dafür umso vertrackteren Partie muss der souveräne Michael Putsch als Bacchus in seiner hitzetauglichen Minimal-Kostümierung alle Reserven für sein „eh’ denn du stürbest aus meinem Arm!“ in die Bresche werfen.

Drumherum erlebt man im Nürnberger Opernhaus im Vorspiel einen überzogenen Personalaufwand, in der Oper selbst ein überlegtes Personenarrangement: konventionell bei den einfallslos tücherwedelnden Meeresdamen, aber auch mit ein paar hübschen Zusatzideen. Wie in Münchens genialer Robert-Carsen-Inszenierung verfolgt der Komponist die Aufführung seiner Oper – hier aus der Proszeniumsloge heraus –, kommt am Ende auf die Bühne: Nicht um sein Honorar zu kassieren, sondern um sich staunend neben die „göttliche Lust“ auf dem Bösendorfer zu stellen. Dann bekommt er von Zerbinetta den goldenen Lorbeerkranz aufgesetzt, den Bacchus verständlicherweise verloren hat – aber ihren Verlockungen hinter der Kulisse widersteht er doch.

Da ist dieses Ausnahmestück der Opernliteratur hübsch und konsequent weitergedacht, zuvor wirkt manches bruchstückhaft, unfertig oder banal-schwerfällig. Trotzdem: Nürnbergs neue Ariadne hat Passagen von Festspielqualität, der Beifall konnte es mit Bayreuth oder Salzburg ohne Weiteres aufnehmen. Dass am Ende dann die Feuerwerksraketen losgehen, darauf wartete man vergeblich. (Uwe Mitsching)

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