Kultur

25.10.2013

Von der Freiheit, auf die Schnauze fallen zu dürfen

HFF-Professor Ulrich Limmer setzt beim Produzentennachwuchs aufs Netzwerk

Traumwelt Kino – dahinter herrschen knallharte Kalkulierer: die mächtigen Produzenten. Sie heben oder senken den Daumen zu Filmideen, suchen sich aus, wer das Ganze realisieren soll/darf, drehen den Geldhahn auf und zu. An diesem landläufigen Berufsbild ist freilich schon was dran, aber es hat doch noch vielmehr Verästelungen: „Ich sitze mit dabei, wenn das Drehbuch konzipiert wird, bin unterwegs, um Drehorte auszukundschaften, ich bin mit am Set, und wenn die Maskenbildnerin die Krise kriegt, muss ich auch da sein. Wenn es beim Ton hapert, dann geht da eher Klaas hin. Und bei den Finanzen ...“, da hört Karoline Mennecken auf mit ihrer Skizze, die mehr nach Mädchen für alles-Plackerei klingt als nach Chefattitüde vom Ledersessel aus. Sie erlaubt sich ein vages, hoffnungsvolles Überlegen: „Vielleicht können wir uns bald doch mal jemanden für die Steuer leisten.“

Back to the roots

Vor einem Jahr haben sie und Klaas Byl ihre eigene Filmproduktionsfirma gegründet – als Lehrlinge. Nun ja, vielleicht sollte man sagen: als „Gesellen“. Denn Karoline Mennecken ist zwar noch Studentin, hat aber schon neun Filme von Kommilitonen produziert, und es bereits vier mal bei Festivals aufs Podest geschafft. Als Jahrgangssprecherin für den Studiengang Produktion & Medienwirtschaft an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) in München war sie selbstverständlich dabei, als „ihr“ neuer hauptamtliche Professor der Presse vorgestellt wurde – ob sie eines Tages vielleicht selbst einmal dem Studiengang vorstehen wird? Das würde sich jedenfalls einfügen in das, was man als eines der Markenzeichen der HFF erkennen könnte: Die Hochschule holt sich ihre einstigen Lehrlinge gerne als Meister zurück. Allerdings ist das kein Automatismus, ohne Prüfung geht es nicht: So musste man sich bei der Bewerbung um die Professur des Produktionsstudiengangs erst einmal gegen 30 Interessenten durchsetzen, in der zweiten Runde musste man in Probevorlesungen und unter Beobachtung des Berufungsausschusses beweisen, dass man bei den Studenten gut ankommt.
Ulrich Limmer, Jahrgang 1955, hatte einst an der HFF studiert, war dort auch Herstellungsleiter für studentische Produktionen. Dann ging er weg: zur Bavaria-Film als Drehbuchautor und Produzent. 2002 gründete er seine eigene Produktionsfirma (collina). 2011 kehrte er an die HFF zurück in den Bereich Drehbuch. Und jetzt bringt er dem Nachwuchs die Filmwirtschaft bei: Er sei jemand, charakterisiert ihn salopp sein nebenamtlicher Professorenkollege Herbert Kloiber, „der weiß, wie das Filmförderungsgesetz in der Praxis funktioniert und“ – in Bezug auf den Marktriecher für eine Branche, die extrem im Wandel sei – „welcher Baum längst gefallen ist.“
Gerade das sei wichtig, betonte HFF-Vize-Präsident Michael Gutmann, weil man in der Münchner Filmemacherschmiede – das gilt für alle Ausbildungsrichtungen – Absolventen verabschieden möchte, die zwar idealistische Ziele haben dürfen, aber einmal von ihrem Geschäft auch leben, eine Familie ernähren können sollen.
„Berufsrealität“, steht als Schlagwort über Ulrich Limmers pädagogischer Leitlinie. Die versteht er trotz professoralem Einfordern studentischer Disziplin mit viel humorvoller Lebendigkeit zu skizzieren. Teamfähigkeit, Marktkompetenz, Produktionskompetenz und Kreativität lauten seine Schlüsselbegriffe für den Erfolg. Vor allem die Fähigkeit, sich ein Netzwerk aufzubauen, betont Limmer: Der Produzent stellt sich für jedes Projekt seine Mannschaft zusammen – Drehbuchautor, Regisseur, Kameramann/frau, Toningenieur, Filmmusiker, Cutter ... „Die Kontakte, die man sich in seiner Ausbildung aufbaut, begleiten einen oft das Leben lang“, weiß Limmer aus eigener Erfahrung.
Prinzip der HFF ist deshalb die Studiengang übergreifende Lehre. Das wird vor allem wichtig, wenn man sich „Content-Kompetenz“ aneignen muss: Wie erkennt ein Produzent, ob eine Geschichte gut ankommt, das Drehbuch was taugt? Wie kann es gegebenfalls verbessert werden?

Ins Netzwerk eintauchen

Wenn’s ans Kalkulieren geht, ans Studieren des branchenspezifischen Marketings, und wenn man wissen will, wie Sendeanstalten und Verleihfirmen funktionieren, dann sind die Studenten mitunter aufs Alleine-Durchboxen verwiesen – jedenfalls, was den theoretischen Teil angeht. Praxiserfahrung ergibt sich allerdings wie von selbst durch das übergeordnete HFF-Netzwerk. Jeder Studiengang ist mit einer Führungs-Doppelspitze besetzt – mit einem hauptamtlich Zuständigen überwiegend für die akademische Lehre und einem nebenamtlichen „Verbindungsmann“ aus der Szene. Im Fall vom Produktionsstudiengang sind das Limmer und Kloiber, wobei Ulrich Limmer neben dem Lehrauftrag ebenfalls seine Produktionsfirma fortführt. Da ergeben sich Synergieeffekte, genauso wie mit der Produktionsfirma des ehemaligen HFF-Studenten Max Wiedemann (Wiedemann & Berg), der inzwischen wiederum HFF-Gastdozent ist.
Das vielschichtige Netzwerk eröffnet sicher vielen HFF-Studenten aussichtsreiche Optionen für den Karriereweg nach ihrem Uni-Abschluss. Ulrich Limmer setzt aber schon vorher an: Die Studierenden haben die Möglichkeit, überhaupt erstmal ihre Talente zu entdecken. Nicht jeder der derzeit 60 Studenten seines Studiengangs werden einmal tatsächlich als selbstständige Produzenten arbeiten. Da hat mancher schon entdeckt, dass er auch ein guter Drehbuchschreiber ist (wie Limmer selbst), andere gehen zu Fernsehanstalten oder zu Verleihfirmen. „Ausprobieren“ lautet Ulrich Limmers Devise für die Lehrjahre. Das Schöne: „Man hat hier viele Freiheiten, auch die, mal auf die Schnauze fallen zu dürfen.“ (Karin Dütsch)

Abbildung:

Ulrich Limmer ist selbst ehemaliger HFF-Absolvent. (Foto: Spauke)

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