Kultur

Nur Figuren aus der Geisterbahn – oder doch ein Totentanz? Blick in einen der Ausstellungsräume im Münchner Stadtmuseum, das zum Wiesn-Jubiläum manch ironischen Seitenhieb versetzt. (Foto: Stadtmuseum)

17.09.2010

Vor dem Rausch und danach

Zwei Münchner Oktoberfest-Ausstellungen zum 200. Wiesn-Jubiläum

Als nervtötende Endlosschleife tönt er durch die Säle des Münchner Stadtmuseums: Der Jubelruf „O’zapft is!“, mit dem Oberbürgermeister Christian Ude seit gefühlten 200 Jahren das Oktoberfest eröffnet, nachdem er rituell einen Bierbanzen angestochen hat, während die Kameras sämtlicher Fernsehstationen aller fünf Erdteile auf ihn gerichtet sind. Schließlich ist die bayerische Hauptstadt weltweit als Kulturmetropole berühmt, weil hier das größte Volksfest des Planeten steigt, das heuer auch noch sein 200-jähriges Bestehen feiert: 1810 fand es erstmals statt und dauerte – oh glückliche Vorväter! – nur 18 Minuten.
Genauer gesagt: Das Pferderennen dauerte 18 Minuten, das die Münchner Bürger ihrem Kronprinzen Ludwig (dem späteren König Ludwig I.) zur Hochzeit mit seiner Therese auf der nach ihr benannten „Theresens-Wiese“ schenkten. Aus diesem Galopper-Gehoppel entwickelte sich dann rasch die Institution des alljährlichen Oktoberfestes – wohlwollend gefördert durch die Obrigkeit, die sich der identitätsstiftenden Wirkung bewusst war, die solch eine Volksbelustigung für das 1806 gegründete Königreich Bayern besaß.
Sorgfältig und liebevoll nachgezeichnet ist diese Entwicklung jetzt in der Oktoberfest-Jubiläumsausstellung des Münchner Stadtmuseums – die es auch nicht an der nötigen Ironie fehlen lässt, wenn da etwa einzelne Maßkrüge und Bierfässer auf Samt in großen Vitrinen präsentiert werden, als wären sie die etwas anderen bayerischen Kronjuwelen.
Und natürlich dürfen schaurige Geisterbahnfiguren, Zerrspiegel oder Steilwandmotorräder aus dem reichen Schaustellerfundus des Museums ebensowenig fehlen wie die kitschigen Phantasietrachten, die seit einigen Jahren zur Ausstattung der Besäufnis-Pilger gehören.
Ein gewisses Kontrastprogramm zu diesem kuriosen Bummel durch zwei Jahrhunderte Oktoberfestgeschichte bietet das Münchner Literaturarchiv Monacensia mit der Ausstellung Vorstadtstenz & Wiesnbraut, die das Oktoberfest im Spiegel literarischer Zeugnisse betrachtet. Lichterketten schwingen sich da in rasanten Schleifen wie eine Achterbahn durch die Präsentations-Räume, Dichterzitate sind in kühnen Kurven an die Wände geschrieben, so dass eine Art Oktoberfest-Stimmungskonzentrat entsteht – ein Derivat eigentlich, das quasi im Literatur-Labor analysiert wird. Etwa wenn einem nostalgischen Karussellpferd von anno dazumal ein Zitat aus Ludwig Thomas Roman Münchnerinnen von 1919 zugeordnet ist, der auch als Originalmanuskript in einer Vitrine ruht: „Paula saß mit einem verdrossenen Gesichte auf ihrem Karussellpferde. Ihre Miene passte gar nicht zu dem heiteren Walzer, den die Orgel dröhnend und pfeifend spielte...“
Denn vor allem diejenigen Schriftsteller, die das Volksleben als Sujet bevorzugten, hatten immer schon ein Faible für die Wiesn, die ihnen so reichhaltigen Stoff lieferte. Aber sie haben eben auch mit feinem Gespür die tiefe Traurigkeit wahrgenommen, die hinter der billigen Klimperfassade der „Volksbelustigung“ lauert, die verstärkte Enttäuschung, die der kurzen Besinnungslosigkeit des Rausches folgt. Sie durchschauten und offenbarten den (Selbst-)Betrug eines Volkes, das sich mit läppischen Rummelplatz-Ekstasen ablenken lässt: „...aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln“ heißt es etwa in Ödön von Horvaths Oktoberfest-Drama Kasimir und Karoline über die große Ernüchterung nach der vermeintlichen Gaudi.
Verständlich also, dass einer wie Thomas Mann mit so einem Rummel, der wie jedes Volksfest eigentlich eine würdelose Verspottung und Selbstdesavouierung des Volkes ist, nichts anfangen konnte. Er sprach von „München mit (...) der wochenlangen Monstre-Kirmes seiner Oktoberwiese, wo eine trotzig-fidele Volkhaftigkeit, korrumpiert ja doch längst von modernem Massenbetrieb, ihre Saturnalien feierte“.
Mustergültig ist diese ganze Wiesn-Skepsis der Schriftsteller aber nicht nur in Texten, sondern auch in Bildern eingefangen: Ein anonymes Privatfoto aus den 1920er Jahren zeigt eine junge Frau mit zeittypischem Topf-Hut, die einsam vor einem bizarr aufragenden Achterbahn-Gerüst im Hintergrund steht und todtraurig in die Kamera blickt.
Außer dieser anrührenden Wiesnbraut gibt es in der Schau auch noch einen echten Sensationsfund zu bewundern: Einen Filmbeitrag, den Hans-Jürgen Syberberg 1963 für die Abendschau des Bayerischen Fernsehens drehte, von dem man sich aber kaum vorstellen kann, dass er dort wirklich gesendet wurde. Denn mit seinen verstörenden Verfremdungseffekten würde dieser Experimentalfilm noch heute jeder avantgardistischen Kunstausstellung Ehre machen. Allen Oktoberfest-Flüchtern ist er jedenfalls als Gegenprogramm zu empfehlen, wenn es am diesem Wochenende wieder heißt: O’zapft is! (Alexander Altmann)

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