Kultur

Der Blick auf den klaffenden Bauch des Mädchens, nimmt May Snevoll von Kroghs Figur eines Mädchens jeglichen Charme von Nippes. (Foto: Neue Galerie Landshut)

10.08.2012

Was die Welt im Innersten zusammenhält

Moderne Kunst- und Wunderkammern in Landshut

Kunst- und Wunderkammern sind Gestalt gewordene Zettelkästen vorhandenen Wissens. Nicht nur Kunst an sich, sondern alles, was dem Sammler wesentlich erscheint, wird darin aufbewahrt. Ihre Blütezeit hatten die Kunst- und Wunderkammern im Europa des 16. Jahrhunderts, das ganz vom Geist der Universalwissenschaften beherrscht war. Erst im 19. Jahrhundert etablierten sich die spezialisierten Museen.
Der Reiz der Kunst- und Wunderkammer liegt im kuriosen Nebeneinander disparater Dinge und in den schier unendlichen Möglichkeiten, sie miteinander in immer neue, wundersame Zusammenhänge zu bringen. Das geniale Quer-Denken im interdisziplinären Assoziationspool eines Ordnungssystems von Artificialia, Exotica, Naturalia und Scientifica, in das sich nahezu alle Sammlungen aufteilten, wurde zum intelligenten Wissensspiel.
Heute ist die Wissenschaft dabei, die kreative Wechselwirkung zwischen Mythos und analysierendem Denken wieder zu entdecken. Künstler hinterfragen die Realität und suchen nach den Zusammenhängen zwischen den Dingen. In der Landshuter Ausstellung Kunst- und Wunderkammer revisited nähern sich 14 Künstler mit den Strategien der einstigen Protagonisten von Kunst- und Wunderkammern der Welt und dem, „was sie im innersten zusammenhält“ unter heutigen Aspekten an. Die erst 2004 auf der Landshuter Burg Trausnitz eingerichtete Kunst- und Wunderkammer bot sich an, dort eine assoziationsträchtige „Schnitzeljagd“ zu inszenieren, weitere Spielplätze finden sich in der Stadtresidenz und in der Großen Rathausgalerie der Stadt.
2008 hatte Burkard Blümlein die „Landshuter Gespräche“ mit einem individuellen Sammelsurium in der Neuen Galerie stattfinden lassen – nun hat er seine Objekte direkt in die Kunst- und Wunderkammer auf Burg Trausnitz eingeschleust. Es geht dabei weniger um das einzelne Objekte an sich, sondern darum, die Vielfältigkeit der Kunst- und Wunderkammer um Teile zu ergänzen, die den Diskurs zwischen den Dingen in die Gegenwart erweitern. Dabei finden sich typische Erinnerungsstücke mit sentimentaler Konnotation ebenso wie ein Telefon aus Bakelit oder, als zeitgemäße Indikatoren, Computerfestplatte und Speicherkarte. Die Dinge fügen sich nahtlos in die bestehende Sammlung ein.
In der Residenz lockt Doris Maximiliane Würgert den Besucher auf eine zweifelhafte Spur und überlässt ihm die Entscheidung zwischen Kunst oder Wissenschaft, Fiktion und Realität. Eine goldene, von Plastikblumen umkränzte Schweineschnauze unter Glas begrüßt den Besucher in der Großen Rathausgalerie. Michael von Brentano reitet damit eine Attacke auf Emotionen und verborgenen Ängste. Es geht auch um Ekel und Abwehr, Irritation und Wahrnehmung. Es gibt Versuchsanordnungen; Gerüche evozieren Erinnerungen, fiktive Forschungsreisen werden dokumentiert und einmal mehr wird die Frage nach Malerei und Materie gestellt.
May Snevoll von Krogh irritiert mit ihrer Installation Angels trumpet and the milky moon violin. Im fatalen Zusammenspiel von handwerklicher Meisterschaft, Anmutung von Nippesfiguren und verstörendem Inhalt entfaltet sich ein wahrhaft monströses Werk zwischen Realität und Fiktion.
Die Ausstellung bringt mehreres zusammen: den zukunftsweisenden Blick zurück in die Vergangenheit, den quasi-wissenschaftlichen Umgang mit den Dingen als künstlerische Strategie und die Unsystematik als System zur Entdeckung verborgener Zusammenhänge. Man kann wieder das Staunen lernen. (Ines Kohl)

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