Kultur

Fliese (um 1280 v. Chr.) aus einer monumentalen Inschrift mit dem Thronnamen von Ramses II. (Fotos: ÄS)

18.05.2012

Weisheit in Konsonanten

Die ägyptische Staatssammlung zeigt, wie Hierogylphen gelesen werden

Von einem „Rätsel der Urwelt“ schwärmte Johann Gottfried Herder, als er über das Land am Nil schrieb und dessen Erforschern „Erratungskunst“ attestierte. Die hatte in einer Hinsicht allerdings versagt: Was bedeuteten all die Zeichen, denen man fast auf Schritt und Tritt in Ägypten begegnete, die man an und in Pyramiden, an Stelen, Särgen und noch so kleinen Scherben entdecken konnte?
All die Bilder mit Vögeln, Schlangen, Hundeköpfen, Pharaonen, Armen und Beinen oder nur Kreisen und Balken ... Für den Weimarer Denker war die Sache klar: Eine solch „unvollkommene Schrift“ legte keine tiefere Weisheit nahe: „Hieroglyphen sind der erste rohe Kindesversuch des menschlichen Verstandes, der Zeichen sucht, um seine Gedanken zu erklären“, schrieb er in seinem Hauptwerk Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit (1784 – 1791). Und weil die Ägypter sich dieser „primitiven“ Schrift gar noch bis in die ersten nachchristlichen Jahrhunderte bedienten, kanzelte Herder ab: „Armut von Ideen“ und „Stillstand des Verstandes“.
Nur wenige Jahre später, und das Urteil des großen Philosophen wäre bestimmt ganz anders ausgefallen: 1799 entdeckte man den Stein von Rosette, den Wettlauf um die Entschlüsselung der eingeritzten Zeichen gewann 1822 Jean-François Champollion. Plötzlich lag der Code zur Entzifferung der Hieroglyphen, dieser „heiligen Einritzungen“ da, die eine Bildsprache ohne Bilder darstellen: Das Bildzeichen bedeutet nicht das Dargestellte. Eine gerupfte Ente war also nicht das Opfer eines Geißel schwingenden Falken (waren beide Tiere nicht ohnehin Symbole?) – jetzt las man diese Bilder als Buchstabenkombinationen „sndj“ und „bjk“.
Das fließende Lesen brauchte freilich Übung: Hieroglyphen stehen für Konsonanten(kombinationen) – Vokale wurden nicht geschrieben. Die Schreibrichtung konnte mal von links nach rechts oder von oben nach unten geführt werden – da wo der Blick von Tieren hinging, war der Zeilenbeginn. Der Text wurde ohne Punkt und Komma, selbst ohne Wortabstand geritzt, gemeißelt oder mit der spitzen Binse geschrieben wurde.
Kaum hatte man diese Prinzipien der Hieroglyphen herausbekommen, konnte man von der großen Weisheit der alten Ägypter lesen. Die Texte erzählen von göttlichen Pharaonen, davon, wie man auf Erden ein „richtiges“ Leben zu führen hat, man liest Märchenhaftes ebenso wie Naturwissenschaftliches aus den Bereichen Medizin, Mathematik und Astronomie, schließlich laden aufschlussreiche Texte ein, sich in wirtschaftliche und rechtliche Bedingungen in altägyptischer Zeit einzuarbeiten.
Bis es soweit ist, wird der Besucher in der staatlichen ägyptischen Sammlung in München noch lange üben müssen. Aber die neue kleine Ausstellung versteht sich nicht als Anleitung zum Hieroglyphenstudium. Sie ist vielmehr eine anschaulich gestaltete Annäherung an die Grundprinzipien dieser Schrift, die einem ja auf unzähligen Exponaten des Museums begegnet: didaktische „Basics“ sozusagen. Deshalb wird die Schau ab Sommer 2013 auch in den Neubau des Museums im Kunstareal übernommen. (Karin Dütsch)

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