Kultur

Das klassische Medium Zeichnung droht in Vergessenheit zu geraten – der neue Preis schafft dafür Aufmerksamkeit. Hier "Schlafender" II, einer der Ausstellungsbeiträge von Sabine Moritz. (Foto: NMN)

24.08.2012

Wider das Vergessen

Eine Ausstellung im Neuen Museum Nürnberg flankiert den neuen Faber-Castell-Preis für Zeichnung

Im medialen Crossover der zeitgenössischen modernen Kunst, die mit Videos, Installationen und Performances, Assemblagen und Ambienten oder gar mit virtueller Internet-Kunst auftrumpft, ist ein klassisches Genre der Kunst, nämlich die Zeichnung, längst ins Hintertreffen geraten. Jetzt aber stellt der in Nürnberg aus der Taufe gehobene „Erste Internationale Faber-Castell-Preis für Zeichnung“ die wohl älteste Kunstgattung des Menschen, der seine ersten Kreationen in der Steinzeit an die Höhlenwände zeichnete, wieder in den Mittelpunkt: In einer Ausstellung im Staatsmuseum für moderne Kunst Nürnberg werden fünf Künstlerinnen vorgestellt, die von Kuratoren und Direktoren so renommierter Museen wie dem Museum of Modern Art New York, der Tate Modern in London und Museen in Linz, Barcelona und Zürich vorgeschlagen wurden. Eine nicht minder prominent besetzte Jury, u. a. mit Okwui Enwezor vom Haus der Kunst in München, vergab den neuen Kunstpreis an die erste Preisträgerin, die Künstlerin Trisha Donnelly; sie wurde 1974 in San Francisco geboren und arbeitet heute in New York.
Wenn die Leere die höchste Konzentration und Verdichtung der Kunst ist, wenn die Abwesenheit des Sichtbaren als höchste künstlerische Essenz gilt, dann hat Trisha Donnelly den Preis verdient: drei kleinformatige Blätter mit enigmatisch winzigen, zeichnerischen Chiffren repräsentieren, so die Jury, das letzte Geheimnis der Kunst; dazu eine Dia-Projektion und ein rätselhaft rotierendes Objekt en miniature provozieren den Betrachter, den auch das Blatt Titel auf Nachfrage in seinem Kunstverständnis herausfordert.
Aber für diese Anstrengung entschädigen die Arbeiten der weiteren vier Künstlerinnen, allen voran Jorinde Voigt, 1977 in Frankfurt / M. geboren, derzeit in Berlin arbeitend. Ihre großformatigen Zeichnungen sind nicht nur handwerklich gekonnte, technisch perfekte Kunstwerke, sondern bestechen auch durch ihre fast wissenschaftlich geplante Konzeption und Konstruktion – Musterbeispiele einer auf die Spitze getriebenen Konzeptkunst. Die filigranen Lineaturen des Konstellationen betitelten Doppelbildes zeichnen „Horizonte“, „Melodien“ und „Rotationen“ in farbig schwingenden, mit Zahlen und Zeichen, mit Chiffren und Notationen – ein geheimnisvoller, dabei offen seine ungeheure Systematik offenbarender metaphysischer Kosmos. Eine nicht minder stringente Gedanklichkeit zeigt der Zyklus Ansichten, der das flirrende Verwirrspiel des Blattwerks von Birken und anderen Laubbäumen im Spiel des wechselnden Windes festhält.

Fotorealistische Manier

Dagegen stehen die Arbeiten der anderen Künstlerinnen zurück: die martialisch daherkommenden Helikopter, Flugzeuge und Schiffe von Sabine Moritz, die an Krieg und Gewalt denken lassen, aber – so die Künstlerin – diese gar nicht meinen, also beliebig erscheinen. Oder die in fotorealistischer Manier präzis gezeichneten Figurinen von Puppenspielern der polnischen Künstlerin Paulina Olowska. Die Geschlechterrollen von Mann und Frau, auf Ost und West verteilt, hat sich die in Bulgarien geborene, in Wien lebende Künstlerin Sevda Chkoutova zum Sujet gewählt.
Aber diese narrative Gegenständlichkeit und Figürlichkeit, so gekonnt sie sich auf diesen Arbeiten auf Papier artikuliert, täuscht nicht darüber hinweg, dass sich die Zeichnung als künstlerisches Mittel in der mehr denn je elektronisch dominierten zeitgenössischen Kunstszene schwer tut. Aber vielleicht liegt gerade darin der Reiz und die Berechtigung des „Internationalen Faber-Castell-Preises für Zeichnung“ – auf die Aktualität eines klassischen, halb vergessenen künstlerischen Metiers hinzuweisen. (Friedrich J. Bröder)

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