Kultur

Auch die Gouache "Le chevalier chrétien" (1971) von Salvador Dalí ist in Amberg ausgestellt. (Foto: ACC)

06.08.2010

Wo einem die Augen übergehen

Die reich bestückte „Rückschau auf die Moderne“ im Amberger Congress Centrum

Nicht nur für Amberg sind das beeindruckende Zahlen: 250 Grafiken, Bilder, Skulpturen von 125 Künstlern. Mit ihnen wirft die Biennale des Congress Centrums einen Blick zurück: Rückschau auf die Moderne heißt diese umfangreiche Begegnung von Cézanne und Beuys, von Warhol und Dalí, diese Begegnung mit selten gezeigten Arbeiten, die Richard H. Mayer aus seinem „Kunstkontor Bamberg“ als Leihgeber zur Verfügung gestellt hat.

Petra Strobl, Geschäftsführerin des Amberger Congress Centrums, für Nutzung und Vermarktung des Amberger Prestige-Baus zuständig, gibt gerne zu, dass die zweijährlich stattfindende Sonderschau der Bildenden Kunst „die Ferienzeit sinnvoll füllen soll, wenn es keine Tagungen und Kongresse gibt“. Sie ist auch verantwortlich dafür, dass mit solchen Kunstereignissen in der Oberpfalz kein Defizit erwirtschaftet wird, kümmert sich um Sponsoren und eine deutschlandweite Werbung: Die ist mit bis zu 35 000 Besuchern pro Ausstellung bisher im gewünschten Maße erfolgreich gewesen.

Soviel Publikum nach Amberg wie möglich: Das soll nach dem Besuch der Ausstellung auch in die nahe gelegene Innenstadt mit ihrem Venedig-Flair an der Vils gelockt werden. Und wer in Ambergs Geschäften oder der Gastronomie Geld lässt, wird durch ein sonst nicht verkäufliches Ausstellungsplakat belohnt.

Zwei Jahre dauert die Vorbereitung für jede einzelner dieser seit 1998 stattfindenden Ausstellungen. Petra Strobl war von Anfang an mit von der Partie, seit 2007 ist sie für die „großen Namen in der Kunst“ verantwortlich. Die sind ihrer Meinung nach von Picasso über Goya bis Hundertwasser „schon ziemlich abgearbeitet“: deshalb jetzt dieser Überblick über die Kunst im 20. Jahrhundert.

Noch mehr Kunst

Dabei jedes Exponat einer detaillierten, fundierten Auswahl zu unterziehen, würde die Kapazitäten von Strobls Team überschreiten. Deshalb verlässt sie sich auf Richard H. Mayers en-bloc-Angebot und fing neun Monate vor der Eröffnung mit der Werbung an: bei der Deutschen Bahn, beim Ostbayern-Tourismus, dem Verkehrsverbund der Nürnberger Metropolregion – um Publikum aus dem nahen Franken aber auch aus ganz Deutschland, ja auch aus dem Ausland anzulocken, selbstverständlich auch Schulklassen nach den Ferien, Fahrradtouristen, Reisegesellschaften.

Die Besucher können sich in Amberg dann auch beim „Sommerfestival“ oder dem „Vils-Flimmern“, einem Oper-Air-Filmfestival, vergnügen. Auch bei einem umfangreichen Begleitprogramm zur Ausstellung vom „Kinderatelier“ über „Kunst und Workshops“ in Zusammenarbeit mit Faber-Castell, bis hin zu kunsthistorischen Vorträgen mit Referenten aus Nürnberg oder Regensburg. Und dann gibt es noch „Kunst im Kino“, eine Filmreihe über den Maler Ernst Ludwig Kirchner, über Mein Mann Picasso oder Frida Kahlo. Da hat man sich dann wahrscheinlich schon wieder erholt von der Fülle an Kunst, an der man im ACC vorüber promeniert.

Dessen großen Kongresssaal haben die Ausstellungsmacher um Petra Strobl diesmal intim gegliedert und mit einer fortschreitenden Chronologie versehen. Die fängt mit „Deutsche Kaiserzeit und Weimarer Republik“ an und hört mit der „Postmoderne“ auf. Kein wichtiger Name der klassischen Moderne, der da fehlen würde: mit sozialen Anliegen wie Käthe Kollwitz oder den Anregungen aus der afrikanischen, primitiven Kunst (Schmidt-Rottluff), mit einer besonders herausragenden Vierergruppe von farbigen George-Grosz-Lithografien, einem karikierenden Panoptikum der Nachkriegsgesellschaft in der Weimarer Zeit.

Man muss schon Selbstdisziplin mitbringen, um sich nicht immer gleich wieder ablenken zu lassen, wenn man vor Picasso-Radierungen steht und bereits die Dubuffet-Serigrafie im Augenwinkel lockt.

Manchmal eröffnen die Exponate Aufschlüsse über Künstlergruppen oder künstlerische Entwicklungen, wie das Schießbild von Niki de Saint-Phalle neben ihrer verspielten Lithografie Les Jouets.

Man findet vieles, das im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit nicht schon millionenfach auf Postkarten verewigt ist: Dalís Umsetzung einer alten Darstellung geordneter Feuerbekämpfung (The Life of a Fireman) in ein flammendes Inferno, wo hilflos Feuerwehrleute versuchen, das Feuer im Unterbewusstsein zu löschen.

Der Leitstern für die Ausstellung hängt an einem schwarzen Vorhang: Alexander Calders Petite Spirale von 1974. Bei der macht man dann kehrt, sieht die Klassik der Nachkriegszeit – schon halb vergessen und immer noch an der Wohnzimmerwand: Paul Wunderlich oder Arik Brauer, immer noch aktuell Hockney oder Lüpertz und Penck. Mit Gewinn erinnern zwei Schautafeln an die berüchtigte „Entartete Kunst“-Ausstellung der Nazis in München mit dem Führer-Wort oder blättert man im Gästebuch, wo ein Felix mit Ausrufezeichen schreibt: „Die Ausstellung war auch beim zweiten Mal toll!“ (Uwe Mitsching)

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