Kultur

Von wegen heile Welt! Peter Fleischmanns "Jagdszenen aus Niederbayern" nach einem Stück von Martin Sperr handelt von der Hatz einer ganzen Dorfgemeinschaft auf jeden, der ein bisschen anders ist. (Foto: Bezirk Mittelfranken)

07.01.2011

"Wo nicht nur der Depp Dialekt spricht"

Bayerns "oberster Heimatpfleger" Martin Wölzmüller über HeimatfilmeA

Offiziell schaut sie keiner an, und doch kennt sie fast jeder: Heimatfilme boomen – mal wieder. Zum Thema gibt es vom 13. bis zum 16. Januar ein Festival in Nürnberg. Bei aller Kritik an vielen Filmen des Genres setzt Martin Wölzmüller, der Geschäftsführer vom Bayerischen Landesverein für Heimatpflege, auf einen wesentlichen Effekt: Sie schaffen Sympathie – für Land, Leute und Sprache.

BSZ: Beim Stichwort „Heimatfilm“ hat man sofort Szenen, Köpfe und Schlager aus Filmen der 50er Jahre im Kopf ...

Martin Wölzmüller: Stimmt. Aber das Genre, übrigens eine genuin deutsch-österreichische Erfindung, ist älter. Schon der Münchner Filmpionier Peter Ostermayr hat Ganghofer-Filme gemacht, damals hießen sie noch Volksfilme. So richtig als Heimatfilme gelten dann die Bergfilme der 20er Jahre. Mit dem noch recht jungen Medium Film entdeckte man ganz neue Möglichkeiten, den Menschen als Helden zu inszenieren, wie er sich im heroischen Kampf bewährt.

BSZ: Nicht auf dem Schlachtfeld, sondern in den Bergen ...
Wölzmüller: Genau. Die Natur wurde nicht nur als Kulisse abgebildet, sondern personifiziert und als dramatisches Element eingesetzt. Dabei spielt auch das Wetter eine Rolle. Das Wilde, Ursprüngliche wollte bezähmt, kultiviert werden.

BSZ: Die Ikone des Bergfilms, Luis Trenker, fing beim Pionier des Genres, Arnold Fanck, eigentlich als Bergführer während der Dreharbeiten zu Berg des Schicksals an. Er sprang dann als Schauspieler ein, weil der Hauptdarsteller nicht kraxeln konnte. Bald danach war er selbst Filmemacher. Den Hitler und Mussolini sehr schätzten ...
Wölzmüller: Fanck und Trenker haben sich als Regisseure selbst wie Helden inszeniert. Wie sie da ihr ganzes Filmequipment in die Berge hinauf schleppten – das mutet schon fast wie ein Männlichkeitsritual an. Dieser Heldenkult, dieser vermeintlich großartige Kampf, passte ideal zum nationalsozialistischen Denken. Die Nazis haben das Genre quasi geradezu übernehmen müssen.

BSZ: Die „klassischen“ Heimatfilme geben sich gerne unpolitisch und ahistorisch als harmlose Unterhaltung. Welche Motive dieser Filme waren es, die sich zur politischen Instrumentalisierung eigneten?
Wölzmüller: Heimat und Überleben werden oft der Fremde und dem Untergang gegenübergestellt. Heimat steht für Friede und muss mit allem Einsatz und am besten in inniger Kameradschaft verteidigt werden gegen Chaos und Bedrohung. Wer in der feindlichen Fremde ist, muss einfach zurückkehren. Das entsprach der Nazi-Parole „Heim ins Reich“ und der Blut- und Bodenideologie. Und der Bauer wurde vor und in Kriegszeiten hochstilisiert zum Ernährer der Nation. Er versinnbildlichte außerdem die Verwurzelung im eigenen Land, den Wahrer von Brauchtum und „echten“ Werten.

BSZ: Im bäuerlichen Milieu spielen die Heimatfilme bis heute. Nach dem Krieg haben auch Regisseure wie Veit Harlan weiter gearbeitet. Die Kontinuität, die im Wort „Wiederaufbau“ anstelle von „Neuaufbau“ steckt – war die auch beim Heimatfilm gegeben?
Wölzmüller: Das Filmgeschäft ist ja auch ein Wirtschaftsfaktor. Vielen ging es einfach darum, Geld zu verdienen – natürlich mit dem, was Erfolg versprach. Eine „Stunde Null“ gab es weder bei den Filmschaffenden, noch beim Publikum. Deutlich wird das vielleicht besonders bei den Remakes beliebter Heimatfilme, die schnell in die Kinos kamen.

BSZ: Welche zum Beispiel?
Wölzmüller: Prominent sind Grün ist die Heide von 1932 und 1951 und das Schwarzwaldmädel, das 1920, 1929, 1933 und 1950, später noch einmal 1961 und 1976 verfilmt wurde. 1950 war es übrigens der erste Farbfilm im Nachkriegsdeutschland und mit ihm blühte der Heimatfilm so richtig auf.

BSZ: Der österreichische Film „Echo der Berge“ von 1954, der ein Jahr später als „Der Förster vom Silberwald“ in München seine Deutschlandpremiere hatte, entpuppte sich als Kassenschlager. Weit über 20 Millionen Menschen haben ihn gesehen. Was zog denn die Leute so magisch ins Kino, um sich diese Art von Heimatfilmen anzusehen?
Wölzmüller: Auf der Leinwand sahen sie eine heile Welt. Da träumten sie sich in eine überschaubare räumliche und soziale Ordnung hinein, in der es keine strukturellen Probleme gab, sondern immer auf Personen bezogene. Da lagen die Lösungen leicht auf der Hand. Es war freilich eine seltsame Vorstellung von Heimat. Nur grüne Wiesen und gute, schöne Menschen. Während draußen das Land in Trümmern lag und Millionen ihre Heimat verloren hatten.

BSZ: Naja, war das denn so schlimm? Kann man es den Menschen verdenken, dass sie sich nach leichter Unterhaltung sehnten?
Wölzmüller: Ich habe ja nicht generell etwas gegen diese Heimatfilme von damals. Wenn Menschen versuchen, sich aus selbst- oder fremdverschuldeten Gräben wieder aus eigener Kraft herauszuholen, dann sind viele Strategien legitim. Auch wenn dies durch Traumwelten und Visionen vom guten Zusammensein geschieht. Der Traum vom Paradies kann ja auch den Ehrgeiz zur Fortentwicklung anregen.

BSZ: War es dann einfach zu viel des Guten?
Wölzmüller: Ja, dieses massive Ausblenden der Realität, von Missständen, von den neuen Kriegen in Korea und Algerien, vom Kalten Krieg war manchmal schwer erträglich. Und dass alles Alte ehrwürdig und gut sein sollte, zeigt eine falsche Bindung von Tradition an positive Gefühle.
BSZ: Waren diese Heimatfilme symptomatisch für die Adenauer-Ära?
Wölzmüller: Auf jeden Fall. Sie haben dazu beigetragen, eine gewisse Spießigkeit und Kleinbürgerlichkeiten zu zementieren. Man hat sich eher Gedanken um seinen neuen Opel-Rekord gemacht als Sorgen um die Kriegsflüchtlinge. Dieses Einlullenlassen hat das Nachdenken über Vergangenheit und Gegenwart erschwert.

BSZ: ...das Ende der 60er Jahre um so massiver begonnen hat. Plötzlich sind da auch ganz andere Heimatfilme gemacht worden. „Jagdszenen aus Niederbayern“ etwa gilt als „linker“ Heimatfilm.
Wölzmüller: Immer nur heile Welt ist eine lähmende Illusion und erzeugt Langeweile. Die „linken“ Heimatfilmer, zu denen ich auch Fassbinder mit Katzelmacher und Hauff mit Mathias Kneißl zähle, setzten sich ernsthaft bis schonungslos mit dem Erbe und der Heimat auseinander. Die Bauernidylle erhielt schmutzige Flecken – diese Filme sind oft auch in düsteren Farben gedreht. Die eignen sich nicht mehr für die Tourismuswerbung wie ihre Vorgänger im Genre. Nicht romantische Liebe und Freude an der Hofarbeit werden vorgegaukelt, sondern die real vorhandene zwischenmenschliche Kälte, Gewalt, auch sexuelle, Arbeit, die kaputt macht, Einsamkeit und soziale Ächtung werden thematisiert.

BSZ: Aber diese Version der Heimatfilme löste kein neues Massenphänomen aus.
Wölzmüller: Nein, wirklich nicht. Man braucht nicht zu glauben, dass die Leute, die in die Schlagerfilme gegangen sind, sich auf einmal die kritischen Heimatfilme angesehen haben. Das war ein ganz anderes Publikum.

BSZ: Wie auch das der „Lederhosenfilme“...
Wölzmüller: Gut, dass dieses Intermezzo in Stadeln und rustikalen Schlafzimmern vorbei ist. Die haben sich nur der Kulisse bedient.

BSZ: Der klassische Heimatfilm ist also zäh. Seine Überlebensgarantie ist nicht zuletzt das Fernsehen, das ihn in Serien und mit den Genres Arztfilm und Krimi aufpeppt. Hat sich in all den Jahrzehnten eigentlich irgendetwas Grundsätzliches am Prinzip Heimatfilm geändert?
Wölzmüller: Im Grunde geht es innerhalb einer überschaubaren Welt immer um ein Thema, das auf Augenhöhe erzählt wird. Was da geschieht, könnte der Zuschauer auch selbst beobachten oder erleben. Ganz wesentlich ist das Wiedererkennen, nicht nur von Situationen, sondern auch von Orten. Mir ging das beispielsweise bei Rosenmüllers Wer früher stirbt ist länger tot so: Das Wirtshaus, in dem viele Szenen spielen, ist genau so wie das, in das mich mein Großvater früher mitgenommen hat. Da assoziiert man schon mal „daheim“ und „Heimat“.

BSZ: Eine Serie im Bayerischen Fernsehen heißt sogar „Dahoam is Dahoam“.
Wölzmüller: Über die bin ich ziemlich unglücklich. Nicht so sehr, weil es diese Soap gibt, sondern weil sie der BR macht. Das ist nicht die Aufgabe eines öffentlich-rechtlichen Senders.

BSZ: Ein Ausrutscher?
Wölzmüller: Der BR hat eine ganze Menge wirklich wunderbarer Heimat-Serien produziert. Der aktuell ausgestrahlte Kaiser von Schexing zum Beispiel. Oder Café Meineid und die Löwengrube.

BSZ: Mit Blick auf den wirtschaftlichen Erfolg ist es am besten, wenn Serien wie „Der Bulle von Tölz“ oder „Die Rosenheim Cops“ überregional ausgestrahlt werden. Als Kompromiss wird ein Salon-Oberbayerisch gesprochen. Ärgert Sie das nicht?
Wölzmülle:r (lacht) Jedes Jahr ärgere ich mich aufs Neue, wenn an Weihnachten die Sissi-Filme kommen. Darin wird der gebürtige Braunschweiger Gustav Knut zum Bayerisch radebrechenden Herzog Max umoperiert. Aber das Publikum nimmt es ihm offensichtlich ab. Weil er halt gar so gemütlich schauen kann. Aber nein, wenn es beim Dialekt nicht so authentisch zugeht, macht das gar nichts. Die Filme müssen nicht in die Tiefe der regionalen Sprache reingehen. Wichtig ist, dass Sympathie für die regionale Sprachfärbung gewonnen wird. Damit wird deutlich, dass nicht nur der Depp Dialekt spricht, sondern auch der Intellektuelle.

BSZ: Noch zwei andere Aspekte im Heimatfilm, auf die Sie als Bayerns „oberster Heimatpfleger“ vielleicht ein kritisches Auge werfen, bzw. wo Sie kritisch hinhören: die Musik und die Tracht.
Wölzmüller: Die Musik ist mir eigentlich egal. Sie hat im Film die Funktion, Stimmung zu erzeugen. Mit der Art von Volksmusik und Laienmusik, mit der wir uns beschäftigen, hat sie nichts zu tun.

BSZ: Und die Rolle der Tracht?
Wölzmüller: Mich fasziniert, wie das Tragen von Tracht in den Heimatfilmen umgewertet wurde. Im ganz alten Geierwally-Film von 1921 tragen die einfachen Leute auch ein einfaches, nicht allzu trachtiges Gewand. Nur die Unsympathen sind aufgebrezelt mit großem Hut und wertvollen Silberschnallen. Erst in den Heimatfilmen der 50er und 60er Jahre erleidet die Kleidung eine regelrechte Hypertrophie. Da steht die Bäuerin plötzlich im Festtagsgewand am Herd, ist mit einem Miederstecker ausstaffiert, den sie in Wirklichkeit nur bei der Hochzeit, am Hochfesttag und im Sarg trug.

BSZ: Haben die Heimatfilme dazu beigetragen, dass auch das Publikum ein Faible für die – sagen wir mal „trachtenartige“ – Kleidung entwickelte?
Wölzmüller: Ich bin mir nicht sicher, wer da wen beeinflusst hat. Ich kann mir aber vorstellen, dass Dirndlmode und Touristentracht vorher da waren und in den Filmen nur reflektiert wurden. (lacht) So wie die Berge ja auch nicht als Folge der Heimatfilme entstanden sind. (Interview: Karin Dütsch)

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In der Filmreihe Kneißl, Gudrun, Geierwally. Heimatfilm im Wandel der Zeit vom 13. bis zum 16. Januar werden im Filmhaus Nürnberg (Königstraße 93, 90402 Nürnberg) 13 bekannte Filme gezeigt. Expertenbeiträge und Ausstellungen begleiten das Festival.Veranstalter sind der Bezirk Mittelfranken, der Bayerische Landesverein für Heimatpflege und das Filmhaus Nürnberg.

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