Kultur

Denis Lakey als geheimnisvoller Patera kann dem Publikum das Gruseln lehren. (Foto: Taubenberg)

01.10.2010

Zwischen Traum und Realität

„Die andere Seite“ in Würzburg: Eine verstörende Opernuraufführung nach dem einzigen Roman von Alfred Kubin

Opulent wurde am Mainfranken Theater Würzburg Die andere Seite in Szene gesetzt, eine neue Oper von Michael Obst (Jahrgang 1955). Mit Buhs demonstrierte das Publikum seinen Unmut über diese Uraufführung. An dem Stoff des gleichnamigen fantastischen Romans (1909) von Alfred Kubin reizten Intendant Hermann Schneider, der das Libretto schrieb, wohl das Verschwimmen der Grenzen zwischen Traum und Realität und die apokalyptischen Visionen, die in einen möglichen, wenn auch deprimierenden Neuanfang münden.
Eine verstörende Handlung, für die Michael Obst eine Musik komponierte, die oft metallische Schärfe, insistierend Rhythmisches besitzt, aber auch Melancholie, Trostlosigkeit und letztendlich Leere suggeriert. Zunehmend schleichen sich elektronische Töne ein, was das Irreale betont, bis gegen Ende alles von ungewohnt künstlichen Klängen vereinnahmt ist. Die Chöre singen Laut-Flächen, die eine triste Stimmung entstehen lassen; leider waren die Texte nie zu verstehen. Es gab keine Übertitelung, was auch an anderen Stellen der Oper für Erhellung hätte sorgen können.

Unter Beobachtung

Für die bedrückenden Zwangsvorstellungen und Angst-Phobien hat Stefan Suschke zusammen mit Bühnenbildner Momme Röhrbein durch Licht und Videos, in Projektionen, in schnell verschwimmenden Schlieren und Licht-Flecken eine Inszenierung geschaffen, die analog zur Musik das Visionäre aufgreift. Zentrales Motiv ist ein helles Rund in der Rückwand; darin sind oft ein Auge, laut Kubin „eine schrankenlose Macht, voll furchtbarer Neugier“, auch eine Uhr, die rückwärts geht, oder am häufigsten der Herrscher dieses Traumreichs, Patera, zu sehen, meist als Barock-Fürst in extremer Vergrößerung. Als er seine Macht verloren hat, wird er seinen bunten Fantasie-Garten verlassen.
Es bleiben graue Wolken. Dunkle Farben herrschen vor. Man schaut in eine Art hohe Hotellobby mit Treppenstufen, Bar und Sitzgruppen. Dahinein gerät der Zeichner, eine Verkörperung von Kubin, mit seiner Frau auf Einladung von Patera. Doch sie werden enttäuscht – nichts entspricht ihren Erwartungen.
Schneider entwirft in 18 Szenen plus Prolog und Epilog das Szenario eines unaufhaltsamen, unerklärlichen Nieder- und Untergangs. Zu Patera wird der Zeichner nicht vorgelassen, fügt sich aber ins Unabänderliche; aus unerfindlichen Gründen stirbt seine Frau; dann wird er von der Gattin des Doktors verführt, ein amerikanischer Cowboy ruft mit Megaphon und Geld zum Widerstand gegen Patera auf, die Menschen im Traumreich verwandeln sich in Tiere, Patera kriecht fort, der Zeichner glaubt zu sterben. Schließlich wird die Bühne überschwemmt von einer Art mordlüsternem Bacchanal. Nach der Zerstörung des Traumreichs scheint grelles weißes Licht auf, skurrile Gestalten bleiben zurück.
Das Philharmonische Orchester unter Jonathan Seers begleitete die groteske Handlung mit bemerkenswerter Präzision. Dietrich Volle sang den Zeichner überzeugend, gab ihn als hilflosen Menschen. Silke Evers wirkte als seine Frau mit ihrem hellen Sopran anrührend, selbst als Todes-Symbol mit der Sense in der Hand. Als geheimnisvoller Patera und Affe konnte Denis Lakey durch seine bedrohliche Mimik und durch die aberwitzigen Sprünge seines souverän geführten Countertenors einen das Gruseln lehren.
Die übrigen Personen schienen Zombies: der seltsame Hotelier (Johan F. Kirsten), die kleine Amtsperson (Nicholas Shannon), der groteske Zoologe (Martin Platz) und der wandelbare Joachim Goltz als Friseur und Arzt. Beeindruckend die Melitta der bravourös singenden Sonja Koppelhuber. Dass immer wieder zwei Zimmermädchen plus Page unmotiviert auftauchen, erinnert an das Hotel als Durchgangsstation. Doch in dieses möchte man nicht einmal im Traum reisen. (Renate Freyeisen)

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