Landtag

Schüler des Otto-von-Taube-Gymnasiums in Gauting versprachen Shoa-Überlebenden, das Unrecht des Dritten Reichs niemals zu vergessen. (Foto: LOH)

30.01.2015

"Dumpfen Parolen von rechts keine Chance geben"

70 Jahre Auschwitz-Befreiung: Bei der Gedenkveranstaltung im Landtag fordern Opferverbände vom Freistaat mehr Engagement gegen Rechtsextremismus – und Pegida

"Wer einem Zeitzeugen zuhört, wird selbst zum Zeugen.“ Dieses Zitat von Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel ist heuer von besonderer Bedeutung. Denn der Jahrestag anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 70 Jahren (siehe Infokasten) wird wohl eine der letzten runden Gedenkveranstaltungen mit Überlebenden sein. Entsprechend andächtig lauschten Minister, Abgeordnete, Ehrengäste und Schüler im Senatssaal des Landtags den Worten Max Mannheimers. Der 95-Jährige war in Dachau und Auschwitz interniert. „Diese Orte sind die Umkehrung aller Vorstellung menschlicher Existenz“, sagte Mannheimer. An seinem 23. Geburtstag sei er zum ersten Mal in ein KZ gekommen. „Am Anfang sind wir noch mit Namen gerufen worden, später nur noch mit Nummern.“ Kurz darauf wurden seine Eltern und seine Geschwister ermordet.

Umso mehr beeindruckt Mannheimers Standhaftigkeit. „Mein Leben ist vom Verlust gezeichnet, aber nicht bestimmt worden“, erzählt er. Hass hat der Holocaust-Überlebende nie verspürt. Er heiratete sogar eine Deutsche und lebt seitdem in der Nähe von München. „Ich komme als Zeitzeuge, nicht als Ankläger oder Richter“, ruft er den Zuhörern zu. Sein Ziel sei es, Brücken zu bauen zwischen Menschen aus verschiedenen Herkunftsländern. „Wenn heute wieder bedenkliche Demonstrationen stattfinden, müssen sich staatliche Stellen und Verantwortliche Sorgen machen.“ Die vielen Gegendemonstranten seien zwar ein „ermutigendes Zeichen“. „Das ist aber kein Trost und auch keine Abschwächung dieser fraglichen Strömungen.“

Die Demonstranten beim Namen nennt Ilse Danziger, Vizepräsidentin des Landesverbands der israelitischen Kultusgemeinden in Bayern. „Die Auftritte von Pegida sind ein Alarmzeichen für jüdische und andere Minderheiten“, mahnt sie. Allein aus Frankreich seien im letzten Jahr aus reiner Existenzangst 7000 Juden nach Israel ausgewandert. „Jeder sollte sich daher fragen, was er tun kann, um das Sicherheitspersonal vor Synagogen überflüssig zu machen.“ Danzinger kritisiert allerdings auch die juristische Aufarbeitung der „Akte Auschwitz“: Obwohl 6500 SS-Wachleute den Krieg überlebten, seien nur 29 verurteilt worden.

„Wir sind nicht nachtragend“, versichert der dienstälteste Abgeordnete des israelischen Parlaments, Meir Sheetrit. Deutschland habe Verantwortung übernommen und Israel viel geholfen. Er sieht die beiden Länder inzwischen sogar als eine Art Schicksalsgemeinschaft: „Nach dem Anschlag in Paris steht auch Europa vor dem Problem, mit dem sich Israel konfrontiert sieht.“ Als Konsequenz aus diesem streitbaren Vergleich fordert Sheetrit, die muslimischen Gemeinden zukünftig besser zu integrieren – „aber sie müssen auch unsere Werte akzeptieren“.

Der Vorsitzende des bayerischen Landesverbands der Sinti und Roma, Erich Schneeberger, kritisierte in seiner Ansprache die mangelnde Verankerung der Minderheitenrechte in der Verfassung des Freistaats. Da seien andere Bundesländer wie Hessen oder Baden-Württemberg bereits weiter. Nach den Hetzkampagnen der rechtsextremen NPD wie „Geld für die Oma statt für Sinti & Roma“ fordert er außerdem ein Verbot rassistischer Wahlwerbung.

Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) versprach, „dumpfen Parolen von rechts“ keine Chance zu geben. „Das sind wir den Opfern schuldig.“ Karl Freller, Direktor der Stiftung bayerischer Gedenkstätten und CSU-Fraktionsvize, will dennoch mit Pegida-Anhängern im Dialog bleiben. Allerdings bedürfe es einer Differenzierung zwischen Menschen aus der bürgerlichen Mitte und den Menschen vom rechten Rand. Landtagspräsidentin Barbara Stamm (CSU) unterstrich, Radikalismus und Antisemitismus in Bayern nicht zu dulden: „Wir müssen daher achtsam und wachsam sein.“ (David Lohmann)

INFO: Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz

Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau im vom Deutschen Reich annektierten Polen von der sowjetischen Roten Armee befreit. Innerhalb von vier Jahren wurden an diesem Ort 1,1 Millionen Menschen ermordet – davon eine Million Juden. Das Lager war das größte deutsche Vernichtungslager. Die meisten Menschen wurden direkt nach ihrer Ankunft in den Gaskammern umgebracht, die wenigen Überlebenden starben durch Krankheit, Unterernährung, Misshandlung oder medizinische Versuche.

Insgesamt gab es im Dritten Reich rund 1000 Konzentrations- und Nebenlager sowie sieben Vernichtungslager. Darin kamen während des Holocaust 5,6 bis 6,3 Millionen Menschen ums Leben. Das Konzentrationslager Dachau bestand bereits seit 1933. Von den zusammen über 200 000 internierten Menschen starben etwa 41 500. Allerdings wurden zusätzlich viele Haft-insassen in Vernichtungslager deportiert.

Befreit wurde das Dachauer Konzentrationslager erst am 29. April 1945 von Truppen der US Army. Dabei kamen auch Soldaten der Alliierten ums Leben. „Vor ihnen, die allein bei der Befreiung von Auschwitz 231 Kameraden verloren, verneigen wir uns auch heute in Respekt und Dankbarkeit“, sagte Bundespräsident Joachim Gauck bei der Gedenkveranstaltung im Bundestag. Bis heute ist unter Historikern umstritten, ob eine frühere Auflösung der KZs durch Luftangriffe möglich gewesen wäre. Trotz der bedeutsamen Rolle der Sowjetunion zu dieser Zeit fehlte Russlands Präsident Wladimir Putin bei der Gedenkfeier in Auschwitz. (LOH)

Einen Online-Kommentar verfassen - so geht's

Scrollen Sie einfach ans Ende des Artikels, den Sie kommentieren wollen und geben Sie Ihre E-Mail-Adresse und einen nickname an. Die Nennung Ihres Namens ist freiwillig. Für die Nutzer sichtbar ist in jedem Fall NUR der nickname. Sie müssen sich auch nicht auf unserer Homepage anmelden. Aber unsere Netiquette akzeptieren. Und schon können Sie loslegen!

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!

Neuen Kommentar schreiben

Die Frage der Woche

Frage der Woche KW 42 (2017)

Sollen Arbeitnehmer das Recht haben, auf eine 28-Stunden-Woche zu reduzieren?

Umfrage Bild
 

Lesen Sie dazu in der Bayerischen ­Staatszeitung vom 20. Oktober 2017 auch die Standpunkte unserer Diskutanten:

Jürgen Wechsler, Bezirksleiter IG-Metall Bayern

(JA)

Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft

(NEIN)

arrow
Facebook
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

Shopping
Anzeigen Mediadaten
eaper
E-Paper
ePaper
zum ePaper
BR Player
Bayerischer Landtag
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.