Landtag

Meistens findet die Genitalverstümmelung im Kindesalter statt. Unter den Folgen leiden die Opfer ein ganzes Leben lang. (Foto: DAPD)

08.02.2013

"Es ist die Angst vor der weiblichen Lust"

Lesung: „Schwester Löwenherz“: Fadumo Korn liest aus ihrem Buch – die SPD-Landtagsfraktion begeht den Internationalen Tag gegen Genitalverstümmelung

Das Mädchen war etwa fünf bis sechs Jahre alt und blutüberströmt. Und es brüllte aus Leibeskräften. Was es sagte, haben wahrscheinlich nicht viele Zuschauer jenes TV-Politmagazins, das die grausamen Bilder im Jahr 1999 zeigte, verstanden. Fadumo Korn dagegen traf jedes Wort des Kindes ins Mark: „Es schrie in meiner Sprache. Ich konnte verstehen, was es sagte: ,Mama, es tut so weh! Die sollen aufhören, die wollen mich umbringen’.“ Noch lange Zeit, nachdem die Schreie der Kleinen verhallt waren, sei sie paralysiert gewesen. Jüngst erzählte die gebürtige Somalierin Korn den Zuhörern im Maximilianeum von dieser Erfahrung.
Die frauenpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion Simone Strohmayr hatte zu der Lesung mit Fadumo Korn eingeladen. Diese werde einen Erfahrungsbericht liefern, „den man nicht nach dem Motto ,Andere Länder, andere Sitten‘ verharmlosen kann“, sagte sie. Bei Genitalverstümmelung handele es sich um einen massiven Verstoß, der lebenslanges Leid und sogar den Tod bedeuten könne.
Warum das Leid des kleinen Mädchens die mittlerweile 48-jährige Korn so mitnahm, wurde während ihres eindringlichen, kenntnisreichen Vortrags schnell klar: Die Dolmetscherin, die seit Jahrzehnten in München lebt, wurde als Siebenjährige in Somalia selbst auf grausame Weise verstümmelt. Über diese Grenzerfahrung, die sie fast das Leben gekostet hätte – „Ich lag eine Woche im Koma“ – klärt sie in ihrem Buch Schwester Löwenherz auf. Daraus las sie anlässlich des Internationalen Tags gegen die Genitalverstümmelung vor (siehe Infokasten). Der Text gehört zu Korns vielfältigem Engagement gegen das grausame Ritual: Mit dem eigenen Verein „NALA – Bildung statt Beschneidung“ sammelt sie Spendengelder, um via Aufklärung und Bildung die Genitalverstümmelung auf dem afrikanischen Kontinent sukzessive abzuschaffen. Kindergärten und Krankenstationen zählen zu den bereits geschaffenen Hilfsprojekten.

Keine pauschale Anklage von Männern

Dass noch ein langer, schwieriger Weg bis zu einem Verbot erforderlich sein wird, wurde im Laufe von Korns Schilderungen deutlich: Der schmerzhafte Initiationsritus ist tief in den Gesellschaften, die ihn praktizieren, verwurzelt. In ihrem Buch beschreibt Korn, wie es ihr, dem ehemaligen Nomadenkind, ergangen ist: Am Abend vor der Verstümmelung wurde sie ausgiebig gebadet. Man schnitt sorgfältig ihre Nägel und drehte ihr Zöpfe. Zur Krönung durfte sie zum ersten Mal seit langer Zeit anstelle ihres Bruders bei der Mutter schlafen. Tags darauf brachen Mutter und Tochter in die Steppe auf, wo sie die Beschneiderin trafen.
Was genau diese Frau mit der kleinen Fadumo anstellte, las die erwachsene Fadumo ihren Zuhörern aus Rücksichtnahme nicht vor: „Jeder soll für sich selber entscheiden, ob er das wissen möchte oder nicht.“ Aufschlussreich war dieser Satz: „Das Ritual, das mich für meine Gesellschaft aufwerten sollte, hat mich krank gemacht.“
Täglich trifft die Kulturmittlerin Korn – beispielsweise übersetzt sie für Somalierinnen beim Gynäkologen – auf durchschnittlich zwei Frauen, die ähnliche Erfahrungen durchlebt haben wie sie. Aber sie kennt nicht nur traumatisierte Frauen. Auch Männer seien belastet. Sie schildern, wie schockierend sie Intimität mit einer verstümmelten Frau respektive deren Leid erleben. Deshalb ist es nicht als Schuldzuweisung an Männer zu begreifen, wenn Korn Genitalverstümmelung so bezeichnet: „Es ist der Wille, die weibliche Lust zu beherrschen.“ Sowohl Männer als auch Frauen seien in den betroffenen Ländern nicht in der Lage, über Sexualität zu kommunizieren.
Gegen diese Sprachlosigkeit helfe nur Bildung und Aufklärung. Und Hilfe aus dem Ausland. Korn: „Menschen, die aus betroffenen Ländern nach Deutschland einreisen, sollten in ihrem Visumsantrag ausfüllen, dass sie gegen Genitalverstümmelung sind.“

Information Genitalverstümmelung

Es kommt nicht von ungefähr, dass die World Health Organisation (WHO) im Jahr 2003 den 6. Februar eines jeden Jahres zum Internationalen Tag gegen die Genitalverstümmelung ausgerufen hat. Bei der Beschneidung der weiblichen Genitalien handelt es sich nach wie vor um ein Massenphänomen: Laut WHO sind bis zu 150 Millionen Mädchen und Frauen weltweit davon betroffen. In Deutschland leben schätzungsweise 20 000 Frauen und Mädchen, die Opfer von Genitalverstümmelung geworden sind.
Jede Art der Beschneidung ist Körperverletzung. Allerdings gibt es drei unterschiedlich starke Eingriffe: Bei der ersten wird die Spitze der Klitoris entfernt. Bei der zweiten wird die komplette Klitoris herausgeschnitten. Als „unfassbar“ bezeichneten die Zuhörer im Maximilianeum die dritte Form der Verstümmelung, nachdem die Autorin Fadumo Korn sie auf Nachfrage schilderte; weil sie so grausam ist, hatte sie sie zunächst nicht beschrieben: Neben der Klitoris werden auch die äußeren Schamlippen entfernt sowie die inneren geritzt. Zum Schluss wird die derart gepeinigte Frau zugenäht. Die Genitalverstümmelung wird meist bei vollem Bewusstsein vollzogen. Vorgenommen werden diese Eingriffe von sogenannten Beschneiderinnen.
Ägypten, Burkina Faso, Somalia, Mali, Eritrea: Die Liste der Länder, in der Mädchen und Frauen verstümmelt werden, ist lang. Das Argument für diese Tortur ist überall dasselbe: Frauen, die nicht beschnitten sind, gelten als unrein. Ist dies bekannt, laufen sie Gefahr, vergewaltigt zu werden.
(Alexandra Kournioti)

Einen Online-Kommentar verfassen - so geht's

Scrollen Sie einfach ans Ende des Artikels, den Sie kommentieren wollen und geben Sie Ihre E-Mail-Adresse und einen nickname an. Die Nennung Ihres Namens ist freiwillig. Für die Nutzer sichtbar ist in jedem Fall NUR der nickname. Sie müssen sich auch nicht auf unserer Homepage anmelden. Aber unsere Netiquette akzeptieren. Und schon können Sie loslegen!

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!

Neuen Kommentar schreiben

Die Frage der Woche

Frage der Woche KW 25 (2017)

Terrorabwehr: Sollen auch Kinder vom Verfassungsschutz überwacht werden?

Umfrage Bild
 

Lesen Sie dazu in der Bayerischen ­Staatszeitung vom 23. Juni 2017 auch die Standpunkte unserer Diskutanten:

Joachim Herrmann (CSU), bayerischer Innenminister

(JA)


Horst Arnold (SPD), Mitglied im Verfassungsausschusses des Landtags

(NEIN)

arrow
Facebook
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

Shopping
Anzeigen Mediadaten
eaper
E-Paper
ePaper
zum ePaper
BR Player
Bayerischer Landtag
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.