Landtag

Heizdecken sind ein beliebter Verkaufsgegenstand bei Kaffeefahrten. (Foto: DAPD)

25.11.2011

Mit der Einsamkeit Geschäfte machen

"Kaffeefahrten, Gewinnmitteilungen & Co. – Angelockt und abgezockt?"

Wofür stehen „AD“ und „LeO“? „Das erste bedeutet ,alt und dumm’ und das zweite ,leicht erreichbares Opfer’“. Das hat Wilhelm Schmidbauer, Präsident des Polizeipräsidiums München, im Rahmen des zweiten CSU-Verbraucherforums erklärt. Beleidigende Abkürzungen wie diese fänden sich hinter Namen von Bürgern auf Telefonlisten, die Gewinnspiel-Anbieter nutzen, um Menschen fernmündlich über vermeintliche Preise, die sie gewonnen haben, zu informieren. Allzu oft wollten diese dubiosen Unternehmen jedoch nur „die oft älteren Menschen abzocken“. Er und seine Kollegen haben etliche solcher Aufstellungen sichergestellt. Auch von Kaffeefahrten hält Schmidbauer nichts: „Da entpuppt sich das kostenlos versprochene 50-teilige Tafelbesteck schon mal als Zahnstocher-Box.“

Überteuerte Heizdecken statt Gewinnausschüttung

Der Titel der Veranstaltung unter der Ägide von Petra Guttenberger, Vorsitzende des Arbeitskreises Recht der CSU, war eindeutig: „Kaffeefahrten, Gewinnmitteilungen & Co. – Angelockt und abgezockt?“ Bis zu einer Million Menschen nähmen jährlich an Kaffeefahrten teil, erklärte Otto Höffmann, der als Rechtsanwalt den Bundesverband Deutscher Vertriebsfirmen (BDV) vertritt. „80 Prozent von ihnen sind Wiederholungstäter“, sagte er. Diese Menschen würden gewiss nicht wiederholt an Veranstaltungen teilnehmen, bei denen ihnen minderwertige Produkte zu horrenden Preisen untergejubelt würden. Letzteres käme zwar vor, allerdings handele es sich bei diesen Veranstaltern um schwarze Schafe der Branche. Er vertrete ausschließlich seriöse Anbieter.
Während Höffmann sprach, schüttelten die anderen Podiums-teilnehmer ihre Köpfe. Der Münchner Generalstaatsanwalt Christoph Strötz platzte heraus: „Ein Vorstandsmitglied ihres Vereins hat selber eine unseriöse Firma.“ In der Praxis beobachteten er und seine Kollegen „eine zunehmende Zahl an Menschen, die bei Kaffefahrten über den Tisch gezogen werden“. Beispielsweise verspreche man ihnen medizinische Geräte zu günstigen Preisen. In Wirklichkeit sei aber das Gegenteil der Fall. Das Gleiche gelte für Pfannen und Heizdecken.
Wieso fallen Menschen immer wieder auf windige Geschäfte rein? „Weil die Moderatoren über exzellente Verkaufstechniken und -strategien verfügen“, erklärte Ute Mowitz-Rudolph, Geschäftsführerin des Verbraucherservice Bayern im Katholischen Deutschen Frauenbund (VSB). Sie rät den Bürgern auch, Gewinnbeteiligungen wegzuwerfen, sobald sie im Briefkasten liegen. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Menschen auch mit Hilfe eines Rechtsanwalts nicht an das versprochene Geld kommen.“ Beispielsweise täuschten Firmen vor, bankrott zu sein. Höffmann konnte die Aufregung nicht verstehen: „Diese Leute hatten vorher keine 1000 Euro, die haben hinterher keine 1000 Euro. Das heißt, es ist ihnen kein Schaden entstanden. Betrug liegt somit nicht vor“, meinte er.
Alle anderen Diskutanten widersprachen ihm heftig. Sie erinnerten an die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs: Demnach sind Unternehmen, die eine Gewinnzahlung versprechen, verpflichtet, diese auch auszuzahlen. Verbraucherschutzministerin Beate Merk (CSU) gab den Zuhörern einen lebensnahen Tipp: „Als Schwäbin sage ich mir immer: Warum sollte mir jemand, den ich gar nicht kenne, etwas kostenlos in die Hand drücken?“ Vielmehr würden diese unseriösen Anbieter die Einsamkeit vieler alter Menschen ausnutzen: „Die möchten mal was anderes sehen, andere Leute treffen. Stattdessen üben solche Unternehmen Psychoterror auf sie aus, um ihre Waren zu verkaufen.“ (Alexandra Kournioti)

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