Landtag

Dass ein Viertel der bundesweit rund 800 Weltläden in Bayern steht, ist auch dem Eine Welt Netzwerk Bayern zu verdanken. (Foto: DPA)

21.02.2014

Vom Freistaat zum Fairstaat

Europaausschuss: Noch immer gelangen Grabsteine aus Kinderarbeit auf bayerische Friedhöfe – das Eine Welt Netzwerk Bayern setzt sich für mehr fair gehandelte Produkte ein

Wie notwendig Entwicklungspolitik ist, demonstrierte das Eine Welt Netzwerk Bayern e.V. den Abgeordneten des Europaausschusses zu Beginn mit einem Poster. Darauf ist eine Afrikanerin beim Bestellen ihres ausgedorrten Ackers zu sehen. Die Bildunterschrift darunter: Jetzt noch den Rasen sprengen, dann leg ich mich gemütlich in die Badewanne. Das Bild ist Teil einer Ausstellung zum Thema „globales Lernen“. „Dadurch wollen wir mehr Menschen gewinnen, ihr Denken und Handeln mit dem Eine-Welt-Gedanken zu verbinden“, erklärt der Dachverbandsvorsitzende Alexander Fonari. Er vertritt mit fünf anderen die 136 entwicklungspolitischen Akteure im Freistaat.

Zu den Aufgaben des 1999 gegründeten Netzwerks zählt in erster Linie die Partnerschaftsarbeit mit den Kommunen. Es unterstützt Bürgermeister beim fairen Handel und versucht diesen mit biologischem sowie regionalem Anbau zu verknüpfen. Dazu werden regelmäßig Gesprächsrunden organisiert, Handelsmessen veranstaltet und neue Weltläden eröffnet. „Mit circa 220 befindet sich inzwischen ein Viertel aller deutschen Weltläden in Bayern“, freut sich Fonari.

Zudem soll das Thema „globale Entwicklung“ stärker in den Schulen verankert werden. Dafür werden Promotoren, ehrenamtliche Multiplikatoren aus dem Lehrbereich und gemeinsam mit dem Kultusministerium Lehrkräfte ausgebildet. Dadurch sollen Schüler mehr über Eine-Welt-Angebote wie entwicklungspolitische Freiwilligendienste im Ausland erfahren und an ihre Mitschüler weitertragen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Globalisierung von Sozial- und Umweltstandards, „also die Frage, wie kauft die öffentliche Hand ein und wie verhalten sich Unternehmen“, erläutert Fonari. So habe der Verein 2007 auf einen interfraktionellen Beschluss gegen ausbeuterische Kinderarbeit hingewirkt. Dieser sei inzwischen von 65 bayerischen Kommunen und anderen deutschen Landesparlamenten übernommen worden. Darüber hinaus lobt Fonari, dass seit dieser Legislaturperiode die Zuständigkeit für die Eine-Welt-Politik vom Wirtschaftsministerium als in die bayerische Staatskanzlei verlegt wurde.

Kritik übt Fonari jedoch an der Landtagsgaststätte, die immer noch keinen Fair-Trade-Saft anbietet und an der aktuellen kommunalen Friedhofssatzung. Grund: Die derzeit gültige Fassung schließt die Verwendung von aus Kinderarbeit entstandenen Grabsteinen nicht aus. „Hier bitten wir Sie, eine Lösung zu finden“, ruft er den Abgeordneten zu. Diese ist laut Ausschusschef Franz Rieger (CSU) aber schon in Planung: „Wir diskutieren im Innenausschuss bereits über einen Antrag, mit dem Kommunen die Verordnung ändern können.“

Hans Jürgen Fahn (Freie Wähler) freut sich zwar über die 65 bayerischen Gemeinden, die das Kinderarbeitsverbot unterzeichnet haben. „Es existieren aber über 2000 Kommunen im Freistaat“, gibt er zu denken. „Daher müssen es unbedingt mehr werden.“ Zudem sollten die veralteten Leitsätze der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit geändert und nicht nur von der Staatsregierung, sondern im Plenum beschlossen werden. Nicht zuletzt fordert er mehr Finanzmittel für die Eine-Welt-Politik, damit weniger Flüchtlinge aus ihren Herkunftsländern fliehen müssen.

Christine Kamm (Grüne) wünscht sich ebenfalls eine bessere Formulierung der Leitlinien. Zusätzlich solle es eine Anhörung geben, wie öffentliche Auftragsgeber die faire Beschaffung von Produkten in Bayern verbessern können. Ausschussvize Linus Förster (SPD) hingegen pocht aufgrund der unzähligen Fair-Trade-Siegel darauf, ein Gesetz zu verabschieden, ab wann ein Produkt ein solches führen darf. „Sonst ist so ein Gütesiegel oft nur Verbrauchertäuschung.“ (David Lohmann)


INFO: Eine Welt Netzwerk Bayern e.V.

Das 1999 gegründete Eine Welt Netzwerk Bayern e.V. aus Augsburg ist der bayerische Dachverband entwicklungspolitischer Gruppen. Dazu gehören Einrichtungen wie Kirchen, Weltläden und lokale Eine-Welt-Netzwerke. Insgesamt hat er 136 Mitglieder, die wiederum jeweils bis zu 65 eigene Mitgliedsgruppen vertreten. Auf Bundesebene ist der Verein Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft der Eine Welt Landesnetzwerke in Deutschland e.V. mit Sitz in Göttingen und Berlin.

Die Mitglieder wollen dazu beitragen, Globalisierung zu verstehen und gerechter zu gestalten. Sie informieren in Schulen, Kommunen, Kirchgemeinden und Universitäten über Ursachen globaler Probleme. Zudem betreiben sie mit anderen Nicht-Regierungsorganisationen Lobby-Arbeit und organisieren Informationsveranstaltungen oder Qualifizierungsmaßnahmen. So findet am 14. März in Nürnberg das Forum „Globales Lernen“, am 15. Juli in München das Arbeitstreffen „bio-regional-fair“, am 17. Juli ein runder Tisch zum Thema „fairer Handel“ in Nürnberg und am 23. Juli in Augsburg die Messe „Schule – Eine Welt“ statt.

Zudem entwickelt das Netzwerk konkrete Handlungsmöglichkeiten: Aufgrund ihrer Initiative wird jetzt zum Beispiel der Eine-Welt-Preis verliehen und die Dekade der Vereinten Nationen „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ in Bayern umgesetzt. Außerdem verkauft der fränkische Sportartikelhersteller Puma fair gehandelte Fußbälle, welche die Stadt München unter dem Motto „Bayern spielt fair“ den Schulen für ihren Sportunterricht zur Verfügung stellt. (LOH)

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